Feedflucht · Alternativen

X ersetzen (Twitter): Mastodon, Bluesky und der beste Ersatz von allen

Beim Abschied aus dem lautesten Tunnel hatte ich Glück: X ist die eine Plattform, für die es nicht nur Ersatz, sondern richtige Alternativen gibt, und sie funktionieren schon seit Jahren. Wer X verlässt, muss also nicht ins Leere gehen, er muss nur eine Entscheidung treffen: Will ich wieder einen öffentlichen Platz für Gespräche, oder wollte ich in Wahrheit nur Nachrichten lesen?

Die zweite Frage kläre ich vorweg, weil sie die einfachste Antwort der ganzen Serie hat: Wer X vor allem zum Nachrichtenlesen benutzt hat, braucht keine neue Plattform, sondern einen Feedreader. Zeitungen, Behörden und Nachrichtenmedien liefern ihre Artikel als RSS-Feeds, das sind automatische Lieferscheine für neue Beiträge, und du bekommst sie direkt, vollständig und ohne Wut-Verstärker aufs Gerät. Mein Setup dafür steht im Kapitel über Werkzeuge.

Wer aber die Gespräche vermisst, für den lohnt der Blick in zwei Richtungen.

Mastodon und das Fediverse: Der Platz der Gegenrede

Mastodon ist seit 2016 die freie Alternative zum Kurznachrichten-Format. Es sieht auf den ersten Blick so aus wie X: Du schreibst kurze Beiträge, Menschen folgen dir, es gibt Antworten und Weitererzählen. Der Unterschied liegt darunter, und er ist der wichtigste dieses Artikels: Mastodon gehört keiner Firma. Das Netzwerk besteht aus vielen unabhängigen Servern, sogenannten Instanzen. Jede Instanz gehört jemand anderem, hat eigene Regeln, einen eigenen Betreiber, und alle Instanzen können trotzdem miteinander reden. Das Grundprinzip heißt ActivityPub, ein offenes Protokoll, also eine vereinbarte Sprache, mit der Server einander Nachrichten zuwinken. Das Ganze zusammen heißt Fediverse, ein Wortspiel aus föderativ und Universum.

Was dir das praktisch bringt:

Die größte Hürde ist ehrlicherweise die erste: Du brauchst eine Instanz. Mein Rat: Nimm eine mittelgroße mit einem Betreiber, der dir sympathisch ist und seine Regeln offen hinschreibt, du kannst später ohnehin umziehen. Wenn Du ein wenig testen möchtest, suche Dir eine Instanz und wenn Du jemandem folgen möchtest, mich findest Du dort auch, unter: https://fedifreu.de/@feedflucht

Bluesky: Der bequeme Einstieg

Bluesky ist die zweite große Anlaufstelle. Es entstand aus einem alten Twitter-Laborprojekt und baut auf einem offenen Protokoll auf, dem AT-Protokoll. Auch hier versprechen die Macher: Die Sprache zwischen den Servern ist offen, und die Daten gehören dir, du kannst theoretisch mit deinem Namen zu einem anderen Anbieter umziehen. In der Bedienung ist Bluesky das wohl freundlichste Angebot: anmelden, losreden, ohne über Instanzen nachdenken zu müssen.

Der ehrliche Nachteil steht in der Konstruktion: Gegenwärtig gibt es im Kern noch den einen Betrieb, die eine Firma, die den Laden am Laufen hält, so wie ein junger Baum erst mal einen Pfosten braucht. Mastodon ist der ausgewachsene Baum, wackliger bei der Pflanzung, aber unabhängig seit Jahren. Ich nutze beide, für ernste Sachen das Fediverse, und ich beobachte Bluesky mit Sympathie und ohne Verliebtheit.

Threads: Die Antwort, die keine ist

Vollständigkeitshalber: Meta hat mit Threads selbst ein Kurztext-Netzwerk gestartet, und es ist technisch sogar mit dem Fediverse verbunden. Aber hallo, das ist der Tunnel, aus dem du gerade gegangen bist, in einem neuen Anstrich, vom selben Betreiber, mit demselben Geschäftsmodell: Du bist nicht der Gast, du bist der Rohstoff. Wer aus X flieht und bei Threads landet, hat nur den Anstrich getauscht und den Käfig behalten.

Mein Fazit nach einem Jahr ohne X

Der öffentliche Platz für Gespräche ist mir wichtig, und den habe ich im Fediverse wiedergefunden, kleiner, leiser, mit echten Menschen und ohne käufliche blaue Haken. Was ich für unwiederbringlich hielt, das große Mitreden, hat sich als Overhead entpuppt, wie ich im Ausstiegsartikel beschrieben habe. Und die Nachrichten? Die kommen per RSS, direkt und ohne Orchester.

Wie es beim leisesten aller Tunneln mit Fotos aussieht, das ist der nächste Artikel: Instagram ersetzen.


Quellen und weiterlesen