Facebook ersetzen: Es gibt keinen einen Ersatz, aber ein besseres Paket
Die häufigste Frage, die ich seit meinem Facebook-Ausstieg höre, ist nicht „Wie hast du das gelöscht?“, sondern „Und was nimmst du stattdessen?“. Die ehrliche Antwort fällt vielen zu kurz aus: Nichts. Ich habe Facebook nicht durch ein anderes Netzwerk ersetzt, sondern durch ein Paket aus mehreren kleinen Werkzeugen. Und genau das ist die gute Nachricht, denn dieses Paket passt sich mir an, und nicht ich ihm.
Warum das so ist, verdient einen eigenen Artikel, denn hinter der Frage steckt ein Missverständnis: Du ersetzt Facebook nicht durch eine Seite, die alles kann, so wie du einen Zementsack nicht durch einen anderen Zementsack ersetzt, wenn das Problem ist, dass du eigentlich einen Garten anlegen willst.
Warum Facebook niemanden eins zu eins ersetzt
Facebooks Stärke war nie die Software. Kommentare, Gruppen und Chat-Buttons kann jede Webseite programmieren. Facebooks Stärke ist der Netzwerkeffekt, und der lässt sich nicht kopieren. Dahinter steckt das Metcalfesche Gesetz, eine alte Beobachtung aus der Netzwerktechnik: Der Wert eines Netzes wächst ungefähr mit dem Quadrat der Teilnehmer. In einfachen Worten: Ein Telefon ist wertlos, wenn nur du eines hast, und unersetzlich, wenn alle eins haben. Facebook ist das Telefon, das alle haben, und deshalb fühlt sich jeder Ersatz erst einmal wie ein Gerät ohne Gegenstelle an.
Daraus folgt die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels: Du musst die Menschen nicht auf eine neue Plattform umsiedeln, du musst nur die Aufgaben neu verteilen. Facebook war bei den meisten von uns nämlich gar kein soziales Netzwerk, sondern ein Gemischtwarenladen für vier verschiedene Aufgaben.
Facebooks vier Aufgaben, einzeln verteilt
Wenn du ehrlich durchschaust, wofür du Facebook zuletzt geöffnet hast, findest du fast immer eine dieser vier Aufgaben. Und für jede gibt es ein Werkzeug, das nur diese eine Aufgabe kann, dafür aber ordentlich:
- Neuigkeiten von Seiten und Menschen: Dafür lese ich heute RSS-Feeds. Das sind automatische Lieferscheine für neue Artikel: Wenn eine Zeitung, ein Verein oder ein Blog etwas veröffentlicht, landet es direkt in meinem Feedreader, ohne Algorithmus, ohne Werbeunterbrechung. Wie du so einen Reader einrichtest, beschreibe ich im Kapitel über Werkzeuge.
- Nachrichten mit einzelnen Menschen: Dafür nutze ich Signal, ein Messenger ohne Datensammeln, oder schlicht die E-Mail, die seit Jahrzehnten funktioniert und jedem gehört. Für Familienfotos hat sich bei uns eine Signal-Gruppe etabliert, das ist das Fotoalbum, das Oma selbst bedienen kann.
- Gruppen für Vereine, Nachbarschaft, Elternabend: Hier sind E-Mail-Verteiler und Signal-Gruppen die ehrliche Antwort. Als Pappa kann ich berichten: Der Klassenchat lief eh längst außerhalb von Facebook bei WhatsApp, der Verein hat ein Mitgliederverzeichnis, und die Nachbarschaft hat tatsächlich ein echtes schwarzes Brett im Treppenhaus, das nie einen Algorithmus gebraucht hat.
- Veranstaltungen und Geburtstage: Dafür gibt es eine fast schon revolutionäre Erfindung, den Kalender. Geburtstage stehen bei mir mit Erinnerung im Kalender, und sie überleben damit jede Plattform. Als Verwaltungsangestellter darf ich verraten: Der Dienstkalender meiner Behörde hält Amtstermine seit Jahrzehnten, ohne dass je jemand an seiner Timeline wischen musste.
Der Punkt ist nicht, dass jede dieser Lösungen neu wäre. Der Punkt ist, dass jede dieser Lösungen dir gehört, und zwar ohne dass ein Konzern mitliest und mitrechnet.
Die freien Alternativen, ehrlich betrachtet
Natürlich gibt es auch richtige offene Facebook-Pendants, und als FOSS-Mensch habe ich sie probiert. diaspora* existiert seit 2010 und wird von einer Gemeinschaft betrieben, ohne Werbung, ohne Datenhandel. Friendica kann sogar mit dem Fediverse sprechen, dem Zusammenschluss unabhängiger Server, den ich im nächsten Artikel genauer erkläre. Beide sind ehrlich gebaute Netzwerke, und beide teilen dasselbe Problem: Die Menschen, mit denen ich reden will, sind nicht dort. Der Netzwerkeffekt steht halt auf der anderen Seite des Tors.
Mein Rat deshalb: Probier sie aus, wenn dich das Fediverse reizt, aber rechne nicht damit, dort deinen alten Bekanntenkreis wiederzufinden. Das Text-Fediverse um Mastodon lebt deutlich besser, und dorthin führt der nächste Artikel.
Was ich am Ende gelernt habe
Facebook zu ersetzen hat bei mir nicht funktioniert, weil ich anfangs nach einem Ort suchte. Es hat funktioniert, als ich aufhörte, nach einem Ort zu suchen, und anfing, Aufgaben zu verteilen. Die vier kleinen Werkzeuge zusammen kosten weniger Zeit als der alte Feed, und das Wichtigste: Wenn eines davon stirbt, wechsle ich das Werkzeug und behalte die Menschen. Genau andersherum war es bei Facebook.
Wenn du noch drinsteckst, hat das Kapitel Ausstieg die Anleitungen. Und wenn du wissen willst, wohin die Textmenschen gezogen sind, lies weiter: X ersetzen ist der nächste Artikel.
Quellen und weiterlesen
- diaspora*, das freie soziale Netzwerk: https://diasporafoundation.org/
- Friendica, das Fediverse-fähige Netzwerk: https://friendi.ca/
- Wikipedia zum Metcalfeschen Gesetz: https://de.wikipedia.org/wiki/Metcalfesches_Gesetz
- Signal, der Messenger ohne Datenhandel: https://signal.org/