Feedflucht · Der Ausstieg

X verlassen (Twitter): Archiv sichern, Tweets aufräumen und das Konto endgültig löschen

Der Tunnel, um den es in diesem Artikel geht, ist der lauteste: X, früher Twitter. Im Tunnel-Artikel habe ich dir gezeigt, wie dort Wut zu Geld gemacht wird und warum der blaue Haken nichts mehr wert ist. Hier geht es um die praktische Frage: Wie komme ich da raus?

Vorweg die wichtigste Besonderheit, die dich bei X erwartet: Es gibt keinen Knopf, der „Konto löschen“ heißt. X kennt nur die Deaktivierung. Sie ist der Lösch-Auftrag: Wenn du dein Konto deaktivierst und dich danach 30 Tage lang nicht einloggst, wird es endgültig gelöscht. Die eigentliche Prüfung ist also nicht das Deaktivieren, sondern die 30 Tage danach, in denen die Finger stillgehalten werden müssen. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Ich habe mein eigenes Konto so leer gemacht und gelöscht, und ich zeige dir jeden Schritt, mit allem, was ich dabei gelernt habe.

Erst die wichtige Frage: Deaktivieren oder löschen?

Bei X ist das keine Wahl, sondern eine Reihenfolge:

Wer also nur eine Pause will, sollte nicht deaktivieren, denn die 30-Tage-Frist läuft auch dann. Wer endgültig gehen will, deaktiviert und hält dann still. Beide Wege laufen über denselben Knopf, der Unterschied ist nur, was du in den 30 Tagen danach tust.

Schritt 1: Klären, wofür du X noch nutzt

Bevor du gehst, kläre für dich, was du von dort wirklich mitnimmst:

Schritt 2: Dein Archiv sichern

X bietet einen vollständigen Datenexport an, das sogenannte X-Archiv. So gehst du vor (Stand: Herbst 2026):

  1. Öffne die Einstellungen im Webbrowser, also nicht in der App, sondern auf x.com.
  2. Gehe zu Einstellungen und Privatsphäre, dann zu Dein Account.
  3. Klicke auf Ein Archiv deiner Daten herunterladen. Die Adresse lautet auch direkt: x.com/settings/download_your_data.
  4. Fordere das Archiv an und bestätige deine Identität, mit Passwort oder Zwei-Faktor-Code.

Danach heißt es warten. Je nach Größe deines Kontos dauert die Verarbeitung einige Stunden bis etwa einen Tag, und X benachrichtigt dich per E-Mail, wenn das Paket bereitsteht. Was du geliefert bekommst, ist eine ZIP-Datei, also ein gepackter Ordner. Darin liegt eine Datei namens archive.html, die du einfach im Browser öffnest: Du siehst dann deine gesamte Geschichte als durchsuchbare Seite, auch ohne Internetverbindung. Daneben liegen die Rohdaten als Dateien mit der Endung JS, das sind Textdateien für Maschinen, die du nicht verstehen musst. Das Archiv ist dein Fotoalbum aus dem Tunnel, hebe es gut auf.

Ein Hinweis aus eigener Erfahrung: Fordere das Archiv an, lange bevor du irgend etwas deaktivierst. Nach der Deaktivierung kommst du nicht mehr an die Daten heran.

Schritt 3: Vorhandene Daten aus dem Account löschen

Jetzt zu der Frage, die du dir bei allen bisherigen Artikeln stellen musstest: Muss ich meine Inhalte vorab löschen? Bei X ist die ehrliche Antwort zweigeteilt:

Was bei anderen liegen bleibt, kannst du auch hier nicht löschen: Deine Direktnachrichten bleiben in den Postfächern deiner Chat-Partner, und alte Antworten auf dich bleiben in den Beiträgen anderer bestehen, nur ohne dein Profil dahinter.

Und noch eine Stelle, die viele vergessen: Prüfe, wo du dich „Mit X anmelden“ kannst. Manche Dienste, vor allem aus der Tech-Welt, bieten das an. Geh deine Drittzugriffe in den Einstellungen durch, löse die Verbindungen, und stelle in den betroffenen Diensten auf Anmeldung per E-Mail um. Nach der Löschung wärst du dort sonst ausgesperrt.

Schritt 4: Menschen Bescheid geben

Auch der lauteste Tunnel hat stille Ecken: Menschen, mit denen du nur dort im Kontakt stehst. Überlege dir, wem du eine Abschiedsnachricht schickst und wie man dich künftig erreicht, per E-Mail, im Fediverse oder anderswo. Eine kurze letzte Nachricht mit dem neuen Weg ist genug, das große Drama braucht es nicht.

Und ein optionaler Tipp: Manche schreiben vor dem Abschied einen letzten Beitrag mit dem neuen Fundort. Wenn du das magst, mach es. Aber prüfe den Inhalt noch einmal genau, dieser Text bleibt in Zitaten und Screenshots länger als dein Profil.

Schritt 5: Deaktivieren und die 30 Tage durchhalten

Jetzt kommt der eigentliche Schritt, und danach die eigentliche Prüfung:

  1. Öffne x.com im Browser, gehe zu Einstellungen und Privatsphäre und dann zu Dein Account.
  2. Klicke auf Deaktivieren, ganz unten auf der Seite.
  3. Gib dein Passwort ein und bestätige die Deaktivierung.

Sofort danach verschwindet dein Profil aus der öffentlichen Ansicht. Und jetzt beginnt die Frist: 30 Tage lang darfst du dich nicht einloggen. Jede Anmeldung bricht die Löschung ab, auch die versehentliche. Deshalb drei Vorbereitungen, die ich aus eigener Erfahrung empfehle:

Nach den 30 Tagen löscht X dein Konto endgültig: Beiträge, Direktnachrichten, Follower und dein Profilname sind danach weg. Wie bei allen Plattformen dauert das Wegräumen letzter Kopien aus den Sicherungssystemen noch eine Weile, für dich ist der Vorgang mit dem stillgehaltenen Monat abgeschlossen.

Was ich danach gespürt habe

X war bei mir der Tunnel mit dem klarsten Effekt: Es wurde leise. Nicht das Handy, das Leben. Die ständige Nebendiskussion, das Miträtseln über den Skandal des Tages, das schlechte Gewissen, nicht „drin“ zu sein, all das war einfach weg. Ein paar Wochen lang hatte ich das Gefühl, Nachrichten zu verpassen. Dann merkte ich: Ich verpasse nichts, ich bekomme die wichtigen Meldungen über RSS und die Zeitungen, nur ohne die Empörung drumherum.

Und das vielleicht Erstaunlichste: Von den accounts, denen ich dort folgte, habe ich die meisten nie wieder gesucht. Die Welt ist voller guter Quellen, die keinen Feed brauchen.

Der Ausblick

Damit schließt sich der Kreis der großen Ausstiege, die ich persönlich gegangen bin: Facebook, Instagram und X sind weg, LinkedIn ist zur Visitenkarte heruntergefahren. Falls du genau in dieser Reihenfolge hier angekommen bist, hast du soeben die lauteste Stelle deines digitalen Lebens verlassen.

Was jetzt kommt, ist der schöne Teil: raus aus dem Tunnel, hinein in Alternativen, die dich ernst nehmen. Das Kapitel Alternativen zeigt dir, wo ich heute lese und schreibe, und das Kapitel Werkzeuge gibt dir die Werkzeuge dazu in die Hand, vom Feedreader bis zum Passwortmanager.

Bis dahin ein Gedanke zum Mitnehmen: Auf einem lauten Marktplatz hältst du dir die Ohren zu. Den Marktschreier trauerst du nicht nach, wenn du erst einmal wieder gut gehört hast.

– Markus


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