Der Tunnel Twitter/X: Wie der lauteste Marktplatz des Internets zum Empörungs-Karussell wurde
Von allen Tunneln, über die ich in diesem Kapitel schreibe, ist dieser der lauteste. Facebook hält dich mit Vertrauten fest, Instagram mit schönen Bildern, LinkedIn mit deiner Karriere. X, früher Twitter, hält dich mit etwas anderem fest: mit der Empörung. Du gehst hin, um kurz die Nachrichten zu checken, und kommst eine Stunde später wieder raus, wütend auf drei verschiedene Personengruppen, deren Namen du dir nicht merken kannst.
Ich war viele Jahre auf Twitter, wie fast alle, die im Netz zu Hause waren. Nachrichten, Fachdiskussionen, schnelle Pointen. In diesem Artikel beantworte ich dir zwei Fragen: Warum ist dieser Ort so laut geworden? Und: Was passiert dort mit deiner Zeit und deinen Daten?
Teil 1: Die Idee, die einmal gut war
Die Grundidee von Twitter war bestechend einfach: Kurze öffentliche Nachrichten für alle. Anfangs genau 140 Zeichen, pro Nachricht ein Gedanke, nichts weiter. Man nannte das einen Mikroblog, ein winziges Tagebuch, das jeder lesen darf. Zu sehen bekamst du eine Timeline, also eine Liste mit den Kurznachrichten der Konten, denen du folgst, und zwar in chronologischer Reihenfolge: Die neueste Nachricht stand oben. Keine Maschine dazwischen, du hattest die Kontrolle.
Das war stark, weil es schnell war. Wetterdienste, Behörden, Feuerwehren und Journalisten haben dort gemeldet, was gerade passiert. Erdbeben, Wahlabende, Sport. Oft stand die Meldung auf Twitter, bevor die Nachrichtenseiten sie ins Netz bekamen. Für Menschen wie mich war Twitter lange die schnellste Wissensquelle der Welt.
Und wie jeder gute Tunnel hat auch dieser mit einer ehrlichen Absicht angefangen. Manche behaupten das sogar wörtlich: Der neue Besitzer nannte den Ort einmal eine „digitale Bürgerhalle“, einen Marktplatz, auf dem alle frei miteinander reden. Diese Bürgerhalle gibt es noch. Aber schauen wir uns an, wer dort inzwischen das Wort ergreift.
Teil 2: Der Umbau, oder: Warum der blaue Haken zum Kauf wurde
Im Oktober 2022 hat Elon Musk Twitter gekauft, für rund 44 Milliarden US-Dollar, und ihm später den Namen X gegeben. Was danach passierte, ist keine Frage der Meinung, sondern der Zahlen: Die Werbekundschaft floh, laut Musk selbst brachen die Werbeeinnahmen um etwa die Hälfte ein. Das ist bedeutsam, denn Werbung machte den Löwenanteil der Umsätze von Twitter aus. Finanzbewertungen legten nahe, dass der Wert des Unternehmens um fast 80 Prozent sank.
Auf der Suche nach neuem Geld wurde ein altes Vertrauenszeichen verkauft: der blaue Haken. Früher bedeutete er: Die Plattform hat geprüft, dass hinter diesem Konto wirklich die benannte Person oder Organisation steht. In der neuen Welt kannst du den Haken im Abo kaufen, er ist Teil des Bezahlpakets X Premium. Der Haken bedeutet seither nicht mehr „echt geprüft“, sondern „bezahlt“. Für Einsteiger ist das eine Rutschbahn für Fehlinformationen, denn der erste Blick auf einen Namen mit Haken sagt nichts mehr über die Echtheit.
Die Europäische Union hat genau hier hingeschaut. Es gibt ein Gesetz namens DSA (Digital Services Act), das sehr großen Plattformen besondere Pflichten auferlegt, zum Beispiel ehrliche Gestaltung und Transparenz bei Werbung. Im Dezember 2023 eröffnete die EU-Kommission gegen X das erste förmliche Verfahren überhaupt unter diesem Gesetz. Im Juli 2024 folgten die vorläufigen Feststellungen: Der blaue Haken sei irreführend gestaltet, ein sogenannter Dark Pattern, also ein Design, das Menschen in die Irre führt. Und im Dezember 2025 verhängte die Kommission ein Bußgeld von 120 Millionen Euro, auch wegen fehlender Werbetransparenz und verschlossener Daten für Forschende. Wenn du wissen willst, wie ein Staat das Tollhaus benennt, das wir alle benutzen: so.
Teil 3: Das Empörungs-Karussell, in dem Wut Geld wert ist
Jetzt kommt der eigentliche Tunnel-Boden, denn hier greift die Mechanik, die ich dir im ersten Artikel der Reihe erklärt habe: Empörung erzeugt Reaktionen, und Reaktionen füttern die Maschine. X hat das in den Jahren nach dem Umbau in bare Münze verwandelt. Das Herzstück ist die Bezahlung von Profilen mit Beiträgen: X zeigt Werbung in den Antwort-Spalten unter Beiträgen und beteiligt den Urheber an den Einnahmen, sofern er sein Bezahlpaket hat.
Rechne dir zusammen, was das bedeutet: Ein Beitrag, der viele Antworten auslöst, erzeugt viele Werbeplätze, und Werbeplätze erzeugen Geld für den Verfasser. Der stärkste Antwort-Auslöser, den Menschen kennen, ist Wut. Also blüht eine Gattung, die ich im Kapitel über meine eigene Geschichte schon erwähnt habe: Ragebait, also Inhalte, die gezielt darauf gebaut sind, dich wütend zu machen. Die Fachwelt nennt das Ganze Engagement-Farming, das Züchten von Reaktionen um jeden Preis. Es ist kein Bug im System, es war jahrelang das Geschäftsmodell.
X hat das Problem übrigens selbst eingestanden, jedenfalls indirekt: Als Reaktion auf die Flut von Empörungs-Maschinen wurde das Bezahlprogramm umgebaut, ein neues Programm soll bloßen Engagement-Bait bestrafen und echte Originalbeiträge belohnen. Ob das die Mechanik bändigt, darf man anzweifeln, solange der Grundmechanismus bleibt: Der Algorithmus sortiert dir mit dem „For You“-Feed aus, was du siehst, und zwar nach dem, was Reaktionen erzeugt, nicht nach dem, was dich klüger macht. Die chronologische Timeline, die du noch selbst steuern konntest, ist nur noch eine versteckte Option.
Teil 4: Die Datenkrake hinter dem Vogel
Und deine Daten? X ist eine vollwertige Datenkrake im Sinne dieses Kapitels: Der Konzern beobachtet, was du liest, wie lange du bei einem Beitrag bleibst, was du magst und wem du folgst, und speist daraus ein Profil, an dem die Werbung ausgerichtet wird. Wer den Feed zu Ende sieht, hat am Ende unbewusst einen Fragebogen über sich selbst ausgefüllt, den er nie zu sehen bekommt.
Zwei Dinge machen X dabei besonders. Erstens die Öffentlichkeit: Dein Verhalten dort ist oft für alle sichtbar, auch für Datenkraken von auswärts, die Profile in riesigen Sammlungen anlegen. Zweitens die Intransparenz: Im selben Verfahren von oben beanstandete die EU auch den Datenzugang für Forschende. Eine Plattform, die es verbirgt, was in ihr geschieht, macht es dir absichtlich schwer, sie zu verstehen. Das ist das Gegenteil von dem, was ich unter einem offenen Marktplatz verstehe.
Was bleibt von der Idee?
Um ehrlich zu bleiben: Nicht alles ist Schund. Die Community Notes sind eine gute Erfindung, ein System, bei dem Leserinnen und Leser gemeinsam falsche Behauptungen unter Beiträgen einordnen. Und einige Fachwelten halten dort noch tapfer Stellung, manchmal ist dort schneller zu erfahren, was los ist, als anderswo.
Aber für mich war der Preis nie wieder bezahlbar, und das ist der Grund, warum X in der Reihe der Tunnel steht. Ich habe dort stundenlang gelesen, war hinterher lauter und klüger nur in Ausnahmen, und die Nachrichten, für die ich eigentlich kam, kriege ich seither direkt von den Quellen: per RSS-Feed in meinen Feedreader, ohne Algorithmus, ohne Haken, ohne Empörungsfarming. Wie das geht, beschreibe ich im Kapitel über Werkzeuge.
Wenn du in diesem Tunnel steckst, dann lies als Nächstes die Ausstiegs-Anleitung: X verlassen, Schritt für Schritt. Und wenn du wissen willst, wo es danach weitergeht: Das Kapitel Alternativen wartet, dort erkläre ich dir auch das Fediverse, auf dem ich heute zu Hause bin.
– Markus
Quellen und weiterlesen
- EU-Kommission: Eröffnung des förmlichen DSA-Verfahrens gegen X (18. Dezember 2023): https://germany.representation.ec.europa.eu/news/digital-services-act-kommission-eroffnet-formliches-verfahren-gegen-x-2023-12-18_de
- EU-Kommission: Vorläufige Feststellungen gegen X (12. Juli 2024): https://germany.representation.ec.europa.eu/news/verstoss-gegen-gesetz-uber-digitale-dienste-eu-kommission-ubermittelt-x-vorlaufige-feststellungen-2024-07-12_de
- KU Leuven zur Analyse des 120-Millionen-Bußgelds gegen X (Dezember 2025): https://www.law.kuleuven.be/ccm/blog/posts/commissionfineforx
- futurezone.at zum Wertverlust von X nach der Musk-Übernahme: https://futurezone.at/b2b/twitter-x-elon-musk-wertverlust-fidelity-firmenanteile-44-milliarden-dollar-werbekunden/402956762
- FAZ zum Einbruch der Werbeeinnahmen nach der Übernahme: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/nach-uebernahme-von-elon-musk-werbeeinnahmen-von-x-brechen-ein-19220707.html
- netzpolitik.org zur Finanzlage von Twitter/X (Werbung als Umsatzbasis): https://netzpolitik.org/2023/soziale-netzwerke-twitter-jetzt-weniger-wert-als-die-schulden-die-es-hat/
- Complex zum Umbau des Bezahlprogramms gegen Engagement-Bait: https://www.complex.com/pop-culture/a/markelibert/x-original-content-rewards-program-creator-payouts
- X-Hilfe zum Creator-Programm (Werbung in Antworten, Beteiligung der Autoren): https://help.x.com/en/using-x/creator-revenue-sharing