Feedflucht · Der Tunnel

Der Tunnel YouTube: Wenn die beste Bibliothek der Welt ein Rummelplatz ist

Dieser Tunnel ist der schwierigste der ganzen Reihe. Und ich beginne mit einem Geständnis: Ich kann dir nicht erzählen, dass YouTube schlecht ist. Das wäre gelogen, und du würdest es sofort merken.

YouTube ist die größte Wissenssammlung, die die Menschheit je gebaut hat. Ich habe dort gelernt, wie man eine Regentonne anschließt. Wie man einen defekten Thermostaten erkennt. Wie ein Kristallgitter im Metall aussieht und warum es rostet. Wenn dein Drucker streikt, dein Fahrrad klemmt, deine Waschmaschine blinkt, es gibt ein Video, das dir hilft. Für Millionen Menschen ist das keine Zeitfalle, sondern eine Abendschule.

Und genau das ist das Perfide: YouTube ist die einzige Plattform dieser Reihe, bei der die Nützlichkeit echt ist. Bei Facebook ist der Feed die Falle. Bei YouTube ist die Bibliothek die Falle, weil im selben Gebäude auch der Rummelplatz steht, und zwischen beiden keine Tür ist, nur ein offener Durchgang, den ein Algorithmus bewacht.

In diesem Artikel erkläre ich dir vier Dinge: die Vermengung von nützlich und nutzlos, die eingestreute Werbung, den Datenabfluss, und die Frage, die am wenigsten gestellt wird und am meisten zählt: Wem gehören die Videos?

Teil 1: Die Vermengung: Bibliothek und Rummelplatz unter einem Dach

Die Masse: 500 Stunden pro Minute

Damit du eine Vorstellung bekommst, mit was du es zu tun hast: Auf YouTube werden rund 500 Stunden Videomaterial pro Minute hochgeladen. Pro Minute! Das sind über 700.000 Stunden pro Tag, mehr Material, als ein einzelner Mensch in einem ganzen Leben schauen könnte, und zwar jeden Tag neu. Und nun der springende Punkt: Aus dieser Masse das wirklich gute, hilfreiche Video zu finden, ist Arbeit. Du müsstest einschätzen können, welcher Uploader Ahnung hat und welcher nur quatscht. Der Algorithmus macht diese Sortierarbeit nicht für dich. Er sortiert nach einem anderen Maß: der Verweildauer.

Der Zeitkiller, der gar nicht doof ist: Die Maschinen, die wieder leben

Jetzt zu der Sorte Video, von der dieser Artikel handelt. Du kennst sie vielleicht: Da ist ein Typ in den USA, der hat einen Kanal namens Diesel Creek. Das Prinzip: Er findet alte Baumaschinen. Bagger, die seit Jahrzehnten im Gebüsch stehen. Kräne, die keiner mehr wollte. Und dann, das ist das Ritual jedes Videos, wechselt er das Öl, gießt Benzin ein, dreht am Anlasser, und irgendwann, nach viel Geduld, startet die Maschine. Rauch, Gebrüll, ein alter Dieselmotor, der wieder lebt.

Ich sage dir ehrlich: Diese Videos sind nicht dumm. Sie sind beruhigend. Da passiert echtes Handwerk, mit echtem Ende, mit Öl an den Händen, das Gegenteil eines Feeds. Es gibt nur ein Problem: Es sind Tausende davon. Und der Algorithmus hat nach dem zweiten Video verstanden, dass du so etwas gern schaust. Und dann kommt das dritte. Das siebte. Das neunzehnte. Jedes mit demselben Ritual, derselben Spannung: Wird er diesmal anspringen?

Das ist die pure Glücksschleife aus dem ersten Artikel, nur mit Motorengeräusch. Du bleibst nicht, weil du lernst. Du bleibst, weil du wissen willst, ob die Maschine diesmal anspringt.

Die zweite Sorte: Das 3.684.000ste Video zum selben Thema

Und dann gibt es noch die zweite Sorte Zeitkiller: die schiere Wiederholung. Nimm irgendein Nischenthema, sagen wir: den Kondensator-Austausch an einem Commodore 64, dem Heimcomputer der 80er. Es gibt dieses Video. Es ist gut. Es hat vielleicht zwölf Minuten, zeigt, wie man die inzwischen alt gewordenen Kondensatoren tauscht, fertig.

Aber es gibt nicht nur dieses Video. Es gibt Tausende. Der nächste Mann filmt dieselbe Platine in anderem Licht. Der übernächste macht es “ausführlicher”. Der überübernächste wiederholt nur, was die ersten beiden sagten, aber mit besserem Mikrofon. Und der Algorithmus serviert dir eines davon als Nächstes, wenn du das erste zu Ende geschaut hast, nicht das beste, sondern das, das dich am längsten hält.

Das ist der Trick bei der Vermengung: Die Plattform stellt dir Millionen nützlicher Videos hin, aber die Sortierarbeit, die beste zu finden, macht sie nicht für dich. Sie macht sie gegen dich: gegen dein Zeitbudget. Was als “Empfehlung” daherkommt, ist kein Bibliothekar, der dir das richtige Buch holt. Es ist ein Verkäufer, der dich im Regal stehen lässt, bis du drei Stunden weiter hinten aufwachst.

Ich muss an dieser Stelle kurz persönlich werden: Ich hatte selbst so eine Nische. Retro-Rechner, alte Heimcomputer. Ich fand die Videos faszinierend, sie haben mir die Nostalgie zurückgebracht, die ich längst beerdigt hatte. Eines Tages habe ich aufgerechnet, wie viele Stunden ich in diesem Regal gestanden hatte. Es waren Wochen. Wochen, in denen ich Videos über alte Computer geschaut habe, statt irgendetwas echtes zu tun. Das war der Moment, in dem ich begriff: YouTube ist eine Bibliothek mit einem Kneipentürchen, und die Kneipe ist immer offen.

Der Durchgang hat einen Namen: Autoplay

Und das Technische an dieser Stelle: Autoplay heißt die Funktion, die nach jedem Video automatisch das nächste startet. Du musst nicht einmal mehr klicken. Und darunter steht die Leiste “Weiter mit”, eine vorsortierte Reihenfolge, die der Algorithmus dir nach dem Prinzip “Was hält ihn am längsten?” baut. Kurzvideos in extra kurzer Form (“Shorts”) laufen in einer eigenen Endlosschleife, in der du nicht einmal mehr ein Ziel hast, nur noch den Daumen.

Erkennst du das Muster aus dem ersten Artikel? Kein Ende ist ein Merkmal, kein Fehler. Das Buch hat einen Einband, der Film einen Abspann. YouTube hat einen “Weiter mit”-Pfeil.

Teil 2: Die eingestreute Werbung

Vor dem Video, im Video, auf dem Video

Die erste Werbeform kennst du: Werbung vor dem Video, die Clips, die du überspringen kannst, sobald “Überspringen” erlaubt ist. Und die, die du nicht überspringen kannst. Mittlerweile gern auch zwei Stück hintereinander, oder mitten im Video (“Midroll”), wie bei einem Fernsehsender, nur mit dem Unterschied, dass diese Werbung auf dein Profil zugeschnitten ist.

Die zweite Form ist die, die ich “eingestreut” nennen möchte, und die ist raffinierter: das Sponsoring im Video. Der Maschinen-Retter vom Anfang sagt irgendwann: “Dieser Abschnitt wurde möglich gemacht von…” und erzählt dir zwei Minuten von einem Werkzeug-Anbieter, einem VPN-Dienst oder einem Vitamin-Abo. Manchmal klar markiert. Oft nicht. Fachleute nennen so etwas native Werbung, Werbung, die sich im Ton und Aussehen des Inhalts tarnt. Auf Facebook war die Anzeige zwischen Urlaubsfotos versteckt. Auf YouTube ist sie zwischen den Reparaturschritten versteckt, von der Person, der du eigentlich vertraust.

Dazu kommen Affiliate-Links: Verkaufslinks in der Videobeschreibung, bei denen der Creator eine Provision erhält, wenn du darüber kaufst. Auch das ist legitim, aber es ist Werbung, und du solltest sie erkennen können.

Das System dahinter: Der Creator ist Mitgefangener

Damit du das System verstehst, musst du wissen, wie die Creator bezahlt werden. Der Konzern beteiligt die Video-Macher mit 55 Prozent an den Werbeeinnahmen ihrer Videos. Insgesamt hat YouTube in drei Jahren rund 70 Milliarden US-Dollar an Creator und Medienpartner ausgeschüttet. Das klingt fair, und es ist auch der Knackpunkt: Wenn dein Einkommen an Zuschauerzeit und Werbeeinblendungen hängt, dann musst du regelmäßig hochladen, klickstarke Titel bauen (“Du wirst nicht glauben, was wir gefunden haben”), Vorschau-Bilder mit erstaunten Gesichtern gestalten, und die Leute möglichst lange halten. Der Zeitdruck, den du als Zuschauer spürst, ist auf der anderen Seite des Bildschirms ein Einkommensdruck. Der Rummelplatz ist kein Unfall. Er ist das Geschäftsmodell.

Und für dich als Zuschauer gibt es noch die dritte Tür: YouTube Premium, ein Abo, mit dem die Werbung verschwindet. Ich lasse dich das einmal sacken lassen: Du kannst also bezahlen, damit der Konzern dich nicht mit Werbung beschießt, derselbe Konzern, der dich für dieselbe Zeit ohnehin vermessen hat. Wer es mit Daten bezahlt, dem wird die Werbung ausgeschaltet. Wer keine Daten hergeben will, zahlt mit Geld. Die Wahl zwischen Kasse und Kabel ist alt. Aber dass beide in dasselbe Gebäude führen, ist neu.

Teil 3: Der Datenabfluss

Jetzt wird es unsichtbar, aber nicht unwichtiger. Was weiß Google, wenn du YouTube benutzt?

Deinen kompletten Video-Verlauf. Jede Suche. Jedes Video, das du angefangen und abgebrochen hast. Wo du stehen geblieben bist, was du zurückgespult hast, was du noch mal geschaut hast. Ob du ein Video um 14 Uhr mittags gesehen hast (Pause?) oder um 23:40 (abends, müde, allein). Der Verlauf ist, wenn man ihn sich ausdruckt, ein Tagebuch deiner Interessen, deiner Sorgen und deines Tagesrhythmus. Menschen googeln nachts ihre Krankheitssymptome und schauen dann Videos dazu. Alles, was dich bewegt, bewegt sich durch diese Datenpipeline.

Und YouTube gehört Google, gekauft im Oktober 2006 für 1,65 Milliarden US-Dollar, damals fast unfassbar viel Geld für eine Videoplattform. Heute ist YouTube nach Google selbst die meistbesuchte Website der Welt und bringt dem Konzern über 36 Milliarden US-Dollar Werbeumsatz pro Jahr. Die Videodaten fließen in dasselbe Profil wie deine Suchanfragen, deine Mails, dein Android-Gerät. Das ergibt zusammen das vollständigste Bild deiner Neugier, das existiert.

Und wofür wird es benutzt? Für den Empfehlungs-Algorithmus, dessen Zielgröße nicht “Was bringt dich weiter?” lautet, sondern “Wie lange bleibt er?” (auf Englisch: Watch Time). Das ist die zentrale Kennzahl der ganzen Plattform. Wenn du das verinnerlichst, verstehst du, warum dich das eine gute Reparaturvideo in drei Stunden Diesel Creek geführt hat: Nicht, weil du ein Maschinen-Nerd bist, sondern weil das System gemessen hat, dass du nach 21 Uhr gern beruhigende Videos schaust. Die Empfehlung ist kein Fehler des Systems. Sie ist seine Arbeitsweise.

Teil 4: Wem gehören die Videos?

Die letzte Frage hört sich erst mal akademisch an. Sie ist es nicht. Gehen wir sie durch.

Die einfache Antwort steht in den Nutzungsbedingungen: Das Urheberrecht bleibt beim Creator. Das Video ist seins. ABER, und dieses Aber ist der ganze Punkt: Mit dem Hochladen erteilt der Creator dem Konzern eine weltweite, kostenlose Lizenz, das Video zu nutzen, zu verbreiten und daraus abgeleitete Dinge zu machen. Mit anderen Worten: Das Copyright bleibt bei dir, die Hausschlüssel bekommst du nicht. Dein Video steht auf fremdem Grund, in einem Gebäude, dessen Regeln du nicht schreibst.

Das Content-ID-System. Um mit Urheberrechtsverstößen fertig zu werden, hat YouTube ein automatisches System namens Content ID gebaut: eine gigantische Referenzdatenbank, die jedes neue Video automatisch mit registrierten Inhalten abgleicht: Musik, Filmschnipsel, alles. Findet sie einen Treffer, wird das Video automatisch “beansprucht”: Die Werbeeinnahmen können an den Rechteinhaber umgeleitet werden, oder das Video wird blockiert. Klingt erst mal fair. Das Problem: Das System entscheidet automatisch, und es irrt gerne. Musiker haben nachweislich ihr eigenes Original gestohlen bekommen, weil eine Plattenfirma den Song vorher in der Datenbank hatte. Wer Einspruch erhebt und verliert, riskiert eine Urheberrechtsverwarnung, ein “Strike”. Drei Strikes, und der ganze Kanal ist weg. Über Nacht. Mit allen Videos, allen Abonnenten, allen Jahren Arbeit. Und mit dem Kanal des Zuschauers: Alle deine Kommentare, Playlists, dein Verlauf: alles an eine Plattform gebunden, die dich ohne Begründung aussperren kann, wenn sie es für nötig hält.

Die Demonetarisierung. Und dann gibt es noch den leiseren Entzug: YouTube kann Videos oder ganze Kanäle aus der Werbevermarktung nehmen, wenn der Inhalt dem Konzern “werbeunfreundlich” erscheint. Was genau das bedeutet, wird nicht sauber mitgeteilt. Die Folge kennst du aus den Videos selbst: Creator sprechen verwaschen (“Das Thema, über das wir heute nicht sprechen können…”), verzichten auf Fachbegriffe und Tabuwörter, machen Selbstzensur, weil ihre Einkommen von der Laune einer Maschine abhängt.

Die Zusammenfassung für dich als Zuschauer: Du besitzt hier nichts. Nicht die Videos, die du liebst (sie können jederzeit verschwinden), nicht deinen Verlauf (er ist eine Art Tagebuch in fremdem Tresor), nicht deine Sammlungen. Und für den Creator gilt: Er besitzt sein Werk, aber nur auf einem Grundstück, das ihm jederzeit gekündigt werden kann. Aus meiner Sicht als Verwaltungsrebell mit eigenem Zeug im eigenen Schuppen ist das der eigentliche Skandal dieser Plattform: Die wertvollste Wissenssammlung der Menschheit steht auf gepachtetem Boden, und der Pachtvertrag besteht zu großen Teilen aus Kleingedrucktem.

Wie ich YouTube heute benutze

Ich bin nicht raus bei YouTube. Das wäre für mein Leben unpraktisch, die Bibliothek ist nun mal die Bibliothek. Aber ich habe die Regeln umgedreht:

Wie man sich den Feed komplett vom Hals schafft, mit Programmen, die nur die Inhalte holen und den Algorithmus zu Hause lassen, erzähle ich im Kapitel Werkzeuge.

Bis dahin ein Gedanke zum Mitnehmen: In einer Bibliothek flüstert der Bibliothekar dir zu, was du als Nächstes lesen solltest, bis tief in die Nacht. Auf YouTube nennt man ihn “Empfehlung”.

– Markus


Quellen und weiterlesen