WhatsApp ersetzen: Signal, Threema und der Umzug des Familienchats
Gestehen wir es ein: WhatsApp ist der Tunnel, über den ich mich am häufigsten streiten muss. Er hat keinen bunten Feed, keine Herzchen-Leiste und keine Empfehlungsmaschine, und viele sagen deshalb: Der gehört doch gar nicht in deine Serie. Aber er gehört hinein, aus einem Grund, der unsichtbarer ist als jeder Algorithmus: Es geht nicht um die Funktion, es geht um den Vermieter. WhatsApp gehört seit 2014 zu Meta, dem Konzern hinter Facebook und Instagram, und es ist die eine App, die fast alle Menschen in deinem Telefon ernsthaft brauchen.
Die gute Nachricht dieses Artikels ist die beste des ganzen Kapitels: Der Ersatz ist ausnahmsweise kein Werkzeug-Paket, sondern eine einzige, fertige App, und sie ist seit Jahren so ausgereift, dass ich sie im Alltag kaum noch von der alten unterscheiden würde. Bei uns läuft der Familienchat seit meiner Feedflucht auf Signal, und Oma kam ohne Einführungskurs zurecht.
Warum WhatsApp trotzdem ein Problem ist
Der häufigste Einwand lautet: WhatsApp ist doch verschlüsselt. Das stimmt, und es soll hier nicht kleingeredet werden: Die Inhalte deiner Chats sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt, das heißt, nur du und dein Gegenüber können sie lesen, nicht einmal der Betreiber selbst. Aber an dieser Stelle beginnt das Problem, denn der Betreiber sieht trotzdem sehr viel:
- Metadaten. Das sind Daten über die Kommunikation statt der Kommunikation selbst: wer mit wem schreibt, wann, wie oft, von welchem Gerät, in welchen Gruppen. Wer mit wem spricht, ist oft aufschlussreicher als das, was gesprochen wird. Eine Behörde, die weiß, dass du jeden Abend um acht mit derselben Person telefonierst, weiß schon eine Menge, ohne ein Wort gehört zu haben.
- Das Adressbuch. WhatsApp gleicht deine Kontakte ab, um deine Bekannten zu finden. Das Hochgeladene sind nicht nur deine Daten, sondern die Telefonnummern aller Menschen in deinem Adressbuch, auch der Menschen, die WhatsApp nie benutzt und nie zugestimmt haben. Ich nenne das gern die Mitsegler-Klausel: Du gibst die Daten anderer mit aus dem Fenster.
- Der Konzern dahinter. Der Rest der Meta-Familie lebt vom Datensammeln, und die irische Datenschutzbehörde hat WhatsApp schon 2021 mit 225 Millionen Euro Bußgeld belegt, weil sie ihre Nutzer nicht ausreichend aufklärte. Wer die Inhalte auch verschlüsselt, legt das Gästebuch trotzdem in das Haus eines Konzerns, der vom Datensammeln lebt.
Kurz: WhatsApp ist kein Zeitfresser wie die anderen Tunnel, es ist ein Datenfresser. Und dafür gibt es einen richtig guten Ersatz.
Signal: der Haupt-Ausweg
Signal ist mein Ersatz, und ich empfehle ihn ohne Sternchen und Fußnoten. Die Gründe stehen in der Konstruktion:
- Gemeinnützig statt Konzern. Hinter Signal steht eine Stiftung, finanziert durch Spenden und eine große Anschubfinanzierung, nicht durch Werbung oder Daten. Das Geschäftsmodell ist: Es gibt keins, und das ist das Geschäftsmodell.
- Verschlüsselung wie bei WhatsApp, Metadaten minimal. Die gleiche Ende-zu-Ende-Technik steckt sogar im Kern von WhatsApp selbst, denn die Signal-Erfinder haben sie gebaut. Der Unterschied: Signal hat von Anfang an darauf geachtet, dass auch die Metadaten und die Verteilerlisten so weit wie möglich beim Betreiber wegbleiben.
- Die Telefonnummer musst du nicht mehr herzeigen. Seit 2024 gibt es Nutzernamen: Du kannst dich über einen Namen, einen QR-Code oder einen Link verbinden, ohne deine Handynummer preiszugeben, und du kannst einstellen, dass dich niemand über die Nummer findet. Für alle, die sich um die Nummer als Identitäts-Anker sorgen, ist damit das letzte Argument vom Tisch.
Ein ehrliches Wort zur Geschichte, weil es so gut zur Serie passt: Einer der Mitgründer der Signal-Stiftung war früher einer der wichtigsten Menschen bei WhatsApp, und er ist nach dem Verkauf an Meta gegangen, um das Gegenstück zu bauen. Der Mann, der die Küche mitgebaut hat, kocht heute nebenan. Das ist für mich keine Werbung, aber ein Argument bei der Frage, wem man vertraut.
Threema: für die Gründlicheren
Wer noch einen Schritt weiter gehen will, schaut sich Threema an, einen Messenger aus der Schweiz. Threema verzichtet von Anfang an auf die Telefonnummer als Kennung: Deine Identität ist eine zufällige Threema-ID, ein anonymer Code, und du brauchst weder Nummer noch E-Mail-Adresse, um loszuschreiben. Die Server stehen in der Schweiz, die Software ist offen einsehbar, und die App kostet einmal ein paar Euro. Genau dieser Preis ist für viele der Stolperstein, und meine Gegenrede ist altbacken, aber ehrlich: Einmal ein Brötchen Geld für ein Werkzeug, das die intimsten Daten deines Lebens verwaltet, ist keine Hürde, es ist ein Filter.
Mein Praxistipp: Für die eigene Familie und den Freundeskreis ist Signal die breite, einfache Lösung, weil die Einladung kostenlos ist und die Nummern schon da sind. Threema ist die Wahl für Menschen, denen die Anonymität selbst der Nummer gegen den Strich geht. Beide sind ehrlich gebaut, beide sind Werbefrei, und beide gehören dir mehr als jeder Feed.
Der schwierige Teil ist sozial
Jetzt zu dem, was dich wirklich Zeit kostet, und es ist keine Technik. WhatsApps Macht ist wie bei Facebook der Netzwerkeffekt: Alle sind dort, weil alle dort sind, und der Familienchat zieht nicht um, weil du es beschließt, sondern weil die Oma es kann. Mein Umzugsplan nach vier Jahren Praxis:
- Erst parallel, ganz ohne Druck. Installiere Signal, behalte WhatsApp und antworte von dort, wo du erreichbar sein willst. Wer dich kennt, merkt es, wer fragt, bekommt die ehrliche Antwort.
- Eine Gruppe als Pilot. Such dir die Gruppe, die dir am Herzen liegt, bei uns war es die Familiengruppe, und richte sie in Signal neu ein. Eine Gruppe umzuziehen ist ein Abendprojekt, kein Wagner-Drama.
- Chats nicht umziehen, sondern verabschieden. Ein direkter Umzug der alten Nachrichten ist nicht vorgesehen. Was dir wichtig ist, exportierst du in WhatsApp als Textdatei pro Chat, das geht im Chatmenü über den Punkt Exportieren, und mehr braucht das Gedächtnis selten. Alles andere darf gehen.
- Nicht missionieren. Die Serie, die du gerade liest, ist mein Weg, kein Strafzettel für andere. Wer bei WhatsApp bleibt, ist kein schlechter Mensch, und der beste Umzugskarton ist das gute Beispiel.
Der Ausblick
Damit ist das Kapitel der Alternativen bei mir zu Ende, vom lautesten Tunnel bis zum stillsten Familienchat. Was das Löschen des alten WhatsApp-Kontos betrifft, dem hat die Serie nichts Neues zu sagen, was nicht schon im Kapitel Ausstieg steht: sichern, Bescheid geben, stillhalten. Und was das Handwerkszeug für die Zeit danach angeht, Feedreader und Konsorten, das wartet im Kapitel über Werkzeuge.
Ein letzter Gedanke fürs Mitnehmen: Der Unterschied zwischen einem Messenger, der dich kennt, und einem, der nur dein Paket trägt, ist unsichtbar, bis jemand hinsieht. Sorge einfach dafür, dass weniger Leute hinschauen können.
Quellen und weiterlesen
- Signal, der Messenger und die Stiftung: https://signal.org/de/
- Signal-Support: Datenschutz bei Telefonnummern und Nutzernamen: https://support.signal.org/hc/de/articles/6829998083994-Datenschutz-bei-Telefonnummern-und-Nutzernamen-Detaillierte-Informationen
- Threema, der anonyme Schweizer Messenger: https://threema.ch/de/
- activeMind zum DSGVO-Bußgeld von 225 Millionen Euro gegen WhatsApp: https://www.activemind.de/magazin/bussgeld-whatsapp/
- Wikipedia zu WhatsApp und der Meta-Übernahme: https://de.wikipedia.org/wiki/WhatsApp
- Privacy-Handbuch zur Threema-Konfiguration: https://www.privacy-handbuch.de/handbuch_74d.htm