LinkedIn ersetzen: Deine Karriere wohnt nicht in einem Profil
Der letzte Tunnel dieses Kapitels ist der einzige, in dem ich selbst noch ein Profil halte, als eingefrorene Visitenkarte. Wenn du den Ausstiegsartikel gelesen hast, kennst du meinen Kompromiss. Die Frage dieses Artikels ist die des ganzen Kapitels: Was ist der Ersatz?
Und auch hier lautet die ehrliche Antwort: Es gibt keine echte Alternative, und das ist aufschlussreich. Es liegt nicht daran, dass es niemanden gestört hätte, ein Gegenstück zu bauen. Es liegt daran, dass LinkedIn etwas verkauft, das man gar nicht ersetzen kann, sondern nur entzaubern muss.
Warum niemand LinkedIn kopiert hat
Der offizielle deutsche Kandidat war XING, und seine Geschichte ist lehrreich: Es hat sich in den letzten Jahren von einem Netzwerk zu einem Jobbrett umgebaut, die Profil- und Netzwerkfunktionen wurden zurückgefahren, und der Betreiber New Work gehört inzwischen vollständig zum Burda-Konzern. Der freie, ernsthafte Netzwerk-Gedanke ist dort nicht weitergepflegt worden. Im Fediverse wiederum gibt es zwar professionelle Accounts, aber kein Karriere-Netzwerk, das Kontakte zählt, Karrieren begleitet und Personaler anlockt. Die Maschinerie aus Visible Reach, also sichtbarer Reichweite, und Endorsement-Knöpfen, den Empfehlungs-Klicks, hat niemand nachgebaut, und das aus gutem Grund: Wer sie nachbaut, hat LinkedIn neu erfunden, samt Tunnel.
Der Grund, warum es keinen Ersatz gibt, ist derselbe wie bei Facebook: der Netzwerkeffekt. Personaler, Recruiter und Bewerber sind dort, weil alle dort sind. Ein Ersatz ohne die Menge ist ein leeres Konzerthaus.
Was Karriere wirklich trägt
Jetzt kommt die Entzauberung, und ich darf sie als Verwaltungsangestellter mit ein paar Jahren Dienstzeit vortragen: In meinem Berufsleben hat noch nie jemand eine Stelle bekommen, weil er auf LinkedIn um Zustimmung gebettelt hat. Berufen wurden Leute mit Zeugnissen, Abschlüssen, Referenzen und der Fähigkeit, im Gespräch drei Sätze über ihr Fach zu sprechen. Das öffentliche Profil-Schaufenster ist für die meisten Berufe Zierde, nicht Fundament.
Die unbequeme Gegenfrage ist die wahre Prüfung: Was findet ein Personaler, wenn er deinen Namen sucht? Bei den meisten Menschen: Ein Profil auf einer Plattform, die ihn zu einer Anmeldung drängt, und sonst nichts. Die Karriere wohnt also nicht im Profil, sie wohnt in den Köpfen der Menschen, die deine Arbeit kennen. Genau dort setze ich an.
Das Profil ohne Plattform: drei Bausteine
- Die eigene Website. Mein Blog ist meine Visitenkarte: eine Seite über mich, ein Lebenslauf als PDF, also einer Datei, die jeder öffnen und ausdrucken kann, und ein bisschen Werkstatt-Ausstellung. Sie gehört mir, sie braucht keine Anmeldung, und sie ist bei jedem Vorstellungsgespräch in der Hosentasche, weil die Adresse auf dem Lebenslauf steht. Wer kein Blog will, braucht dafür kein Großprojekt: Eine einzige ordentliche Seite genügt.
- Die E-Mail-Signatur. Klingt klein, ist riesig: Unter jeder beruflichen E-Mail steht mein Name, meine Tätigkeit, meine Website-Adresse. Die Signatur ist das älteste soziale Netzwerk der Welt und braucht keinen Algorithmus.
- Sichtbarkeit, wo mein Fach ohnehin lebt. Für FOSS-Menschen wie mich ist das GitHub, die offene Plattform für gemeinsamen Quellcode, und die Foren und Mailinglisten des eigenen Fachgebiets. Dort, wo meine Arbeit steht, braucht es keine Reichweite, dann steht sie da. Für viele Berufe gilt dasselbe in anderem Gewand: der Fachartikel, der Vortrag beim Stammtisch, das Engagement im Verein.
Dazu der Baustein, den keine Plattform liefert: Beziehungen pflegen. Der alte Kollege, der dich empfiehlt, die ehemalige Chefin, die sich erinnert, der Handwerkermeister, der dich kennt: Das Netzwerk, das Karrieren trägt, ist analog und wurde schon vor dem Internet gepflegt, per Handschlag und Telefonnummer im Adressbuch. Das pflege ich heute so, wie ich es 2010 getan hätte, nur mit besserem Kalender.
Mein Kompromiss, für dich geprüft
Ich habe mich für die ehrliche Hybrid-Lösung entschieden: Das Profil existiert noch, gepflegt wie eine Parkscheibe, mit den nüchternen Fakten und einem Link zu meiner Website, aber ich poste nichts, ich vernetze mich nicht demonstrativ, und ich öffne die App selten. Wenn du in einer Branche arbeitest, in der Recruiter ausschließlich dort suchen, mag das für dich nötig sein, und dann gilt: Profil nüchtern halten, Daten sparsam, Aufenthalt kurz. Für alle anderen ist die Rechnung dieses Artikels die Einladung: Ersetze das Netzwerk durch die drei Bausteine und die Handschläge.
Quellen und weiterlesen
- Burda zu XINGs Umbau zum Jobs-Netzwerk: https://www.burda.com/de/news/xing-wandelt-sich-zum-jobs-netzwerk/
- Analyse, wofür sich XING noch lohnt: https://hauke-social-media.de/xing-fur-unternehmen-wenn-lohnt-es-sich
- GitHub für die eigene Arbeitsausstellung: https://github.com/
- Mastodon als professionelle Sichtbarkeit im Fediverse: https://joinmastodon.org/