Google ersetzen: Der Wegweiser-Wechsel
Google ersetzen: Der Wegweiser-Wechsel
Nicht alles auf einmal
Im Tunnel-Kapitel habe ich beschrieben, warum Google keine neutrale Suchmaschine mehr ist: bezahlte Treffer oben, eigene Dienste dazwischen, Daten als Währung. Jetzt kommt die naheliegende Frage: Und was stattdessen?
Vorweg die wichtigste Erwartung: Du musst nicht an einem Abend alles wegwerfen. Der Fehler, den viele beim Ausstieg machen, ist der Alles-oder-nichts-Ansatz, und dann nach drei Tagen der Rückfall, weil irgendetwas nicht sofort funktioniert hat. Google zu ersetzen ist kein Sprung, sondern eine Reihe kleiner Wechsel. Jeder einzelne dauert Minuten. Und jeder einzelne bleibt auch dann ein Gewinn, wenn du die anderen Dienste erst später umziehst.
Mein Vorschlag: geh die Liste von oben nach unten durch und tausch genau einen Dienst pro Woche. Nach einem Monat bist du raus, ohne Entzug.
1. Die Suche, dein täglichster Kontakt
Das ist der Anfang, weil du die Suche am häufigsten benutzt, und weil der Effekt sofort spürbar ist.
Leicht starten: DuckDuckGo oder Startpage. Beide liefern Ergebnisse, ohne dein Suchverhalten in ein Werbeprofil zu verwandeln. Startpage liefert sogar Googles Ergebnisse als Mittelsmann aus. Du bekommst also die Qualität der großen Suchmaschine, aber ohne dass Google dich sieht. DuckDuckGo hat eigene Treffer und ist auf den ersten Blick dem gewohnten Bild am ähnlichsten. Für den Einstieg ist das völlig okay.
Der ehrliche Nachteil: Kein kostenloser Suchdienst ist so gut wie Google. Das liegt nicht daran, dass die Technik schlechter ist, sondern daran, dass Google aus Milliarden von Klickdaten gelernt hat. Die meisten alltäglichen Suchen (Rezepte, Öffnungszeiten, Fehlermeldungen) funktionieren überall. Bei Spezialfragen musst du manchmal anders suchen: präziser formulieren, in mehreren Diensten nachschauen. Das ist kein Versagen der Alternativen, sondern der Preis, den du dafür zahlst, dass nicht mehr jede deiner Fragen in einer Werbedatenbank landet. Ich empfinde diesen Preis als fair.
Für Fortgeschrittene: SearXNG. Eine selbst betriebene oder vertrauenswürdige Meta-Suche, die viele Suchdienste abfragt und die Treffer mischt, ohne dich zu identifizieren. Das ist FOSS im besten Sinne: kein Unternehmen dahinter, nur Software. Für den ersten Monat musst du das noch nicht verstehen. Es ist der Ausbau, wenn dir der Einstieg gereicht hat.
Mein Tipp: Bau die neue Suche als Standard in deinen Browser ein (bei Firefox unter Einstellungen → Suche). Der Schritt zwingt dich nicht. Er macht das Neue zum Normalfall und das Alte zum bewussten Akt.
2. Der Browser, die Brille, durch die du alles siehst
Wenn du Chrome nutzt, gehören deine Besuche im Netz, über den Browser und über Googles Werbenetzwerk, zum Geschäftsmodell desselben Konzerns, dessen Suche du gerade ersetzt hast.
Der Wechsel: Firefox. Freie Software, von einer gemeinnützigen Stiftung getragen, reif, schnell, mit allen Erweiterungen, die du brauchst. Das Firefox-Ökosystem ist die etablierte Alternative, und der Wechsel dauert wirklich nur Minuten: Firefox importiert Lesezeichen, Passwörter und offene Tabs direkt aus Chrome.
Die ehrliche Einschränkung: Viele Websites, inklusive einiger Google-Dienste, fühlen sich in Firefox weniger rund an. Nicht zufällig, wie manche meinen. Aber für 98 Prozent des Alltags ist Firefox heute einfach ein guter Browser. Wer mag, ergänzt zusätzlich einen werbeblockenden Schutz (uBlock Origin) und erlebt das Web schneller und ruhiger als je zuvor. Diesen Effekt willst du nach einer Woche nicht mehr hergeben.
3. Maps, der unterschätzte Datensammler
Standortdaten sind die intimsten Daten überhaupt: Sie zeigen, wo du wohnst, arbeitest, schläfst, wen du besuchst.
Der Wechsel: OpenStreetMap. Ein freies Weltkarte-Projekt, von einer Community gebaut. Denke an Wikipedia, nur für Karten. Für die Alltagsnavigation nutzt du Organic Maps (App) oder die OSM-Website: Navigation, Radwege, Fußwege, häufig erstaunlich detaillierter als Google in den Nebenstraßen, weil Menschen, die dort leben, sie gepflegt haben.
Der ehrliche Nachteil: Traffic-Prognosen und öffentlicher Nahverkehr sind nicht so flüssig wie bei Google Maps. Ich plane weniger spontan und schaue dafür öfter auf die Fahrpläne der örtlichen Verkehrsbetriebe. Diese Rückkehr an altmodische Informationsquellen tut mir seltsamerweise gut. Für den Nahverkehr empfehle ich die Fahrplanseiten der Verkehrsbetriebe im Browser oder, als App, Transportr, eine freie ÖPNV-App ohne Datensammeln. Und ein ausdrücklicher Warnhinweis: Die DB Navigator-App ist kein Ersatz für irgendetwas. Sie ist selbst ein Datensammler mit eigenem Tracking-Appetit, und wir tauschen hier schlechte Apps gegen gute, nicht eine schlechte gegen die nächste. Die gehört gleich mit verbannt.
4. Mail, dein digitaler Personalausweis
Gmail ist bequem und gratis. Gratis heißt hier: Deine gesamte Kommunikation wird durch Maschinen eines Werbekonzerns verarbeitet. Auch wenn Google verspricht, nicht mehr in Inhalte zu schauen, um zu werben: Die Post liegt trotzdem im Haus des Datenkraken.
Der Wechsel: Ein bezahlter, datenschonender Anbieter. Ich empfehle Posteo (1 €/Monat) oder Tuta. Beide kommen aus Deutschland, beide arbeiten mit transparenten Geschäftsmodellen: Du bist der Kunde, nicht die Ware. Du zahlst also einen Kaffee pro Monat dafür, dass die wichtigste digitale Verbindung deines Lebens nicht im Werbepostfach eines Konzerns liegt.
Praktisch: Richte die neue Adresse ein und leite Gmail zunächst darauf weiter. So verpasst du nichts und kannst in Ruhe Kontaktpersonen, Newsletter und Dienste umziehen lassen. Nach drei Monaten bist du meist vollständig weg. Das Gmail-Konto löschst du erst, wenn es ruhig ist. Ein verpasstes Schreiben vom Amt oder von der Kita wäre der Preis für Übereifer, und der wäre zu hoch.
5. YouTube und das Handy, der Rest des Weges
Zwei Punkte halte ich bewusst kurz, weil sie die größten Brocken sind und dieses Kapitel den Einstieg machen soll, nicht den totalen Umbau:
Video: Es gibt PeerTube im Fediverse, alternative Plattformen und, ehrlicher noch, weniger Video insgesamt. Ich habe im Tunnel gemerkt, dass meine Videozeit zu 80 Prozent Doomscrolling war. Wer Videos wirklich braucht, findet Kanäle meist auch auf freieren Wegen. Aber das ist ein eigenes Kapitel wert.
Das Handy: Android ist Google. Wer das ändern will, findet mit LineageOS oder (für Pixel-Geräte) GrapheneOS freie Betriebssysteme ohne Google-Dienste. Das ist der anspruchsvollste Schritt, er braucht Recherche und einen freien Tag, und er ist wunderschön, wenn er fertig ist. Mach ihn, wenn du bereit bist, nicht als ersten.
Die Frage, die bleibt
Vielleicht fragst du: Lohnt sich das alles, für ein paar Daten? Dann dreh die Frage um: Was gewinnst du, wenn die Wegweiser deines digitalen Lebens nicht mehr von einem Konzern gestellt werden, dessen Geschäftsmodell deine Aufmerksamkeit versteigert?
Du gewinnst Entscheidungsfreiheit. Suchdienste, die dich nicht vermessen. Einen Browser von einer Stiftung statt von einer Aktiengesellschaft. Karten von Menschen statt von Konzernen. Ein Postfach, für das du Kunde bist statt Rohstoff. Jeder dieser Wechsel ist klein. Zusammen ergeben sie etwas anderes: ein digitales Leben, in dem du weißt, wem du begegnest. Und wem nicht.
Und das Beste: Alles, was ich hier beschrieben habe, funktioniert. Nicht in der Theorie, sondern in meinem Alltag, seit Monaten. Das freie Netz ist keine Utopie. Es ist eine Sammlung von Werkzeugen, die nur darauf warten, dass du sie benutzt.
Mehr Werkzeuge für den Alltag, Passwortmanager, RSS-Reader und was dir sonst noch Handlungsfähigkeit gibt, folgen im Kapitel „Werkzeuge".