Spotify ersetzen: Musik, die dir gehört
Spotify ersetzen: Musik, die dir gehört
Der Abschied, der keiner ist
Ich habe im Tunnel-Kapitel verraten, dass ich Spotify gerade erst loswerde, und dass es der schwerste Ausstieg wird. Nicht wegen der Plattform, sondern weil Musik einfach immer da ist, beim Kochen, auf dem Pedelec, abends auf dem Sofa.
Jetzt die gute Nachricht, und die meine ich ernst: Der Ersatz ist nicht der Verzicht auf Musik. Der Ersatz ist ein besseres Verhältnis zu Musik. Streaming hat uns beigebracht, Musik als unendlichen Wasserhahn zu sehen. Ich lerne gerade wieder, was für ein Reichtum eine eigene Bibliothek ist. Das hier ist mein Fahrplan, in der Reihenfolge, in der ich ihn gehe.
Schritt 1: Retten, was zu retten ist
Bevor du Spotify löschst, schau dir an, was dort dein Eigentum ist. Die Antwort ist: nichts. Playlists, Likes, Alben, alles liegt in deren Konto, nicht in deinem. Deshalb:
- Exportiere deine Playlists. Es gibt kleine Tools, die deine Spotify-Playlists als Text- oder CSV-Liste exportieren. Das ist deine Einkaufsliste für später.
- Suche die Musik, die dir wirklich wichtig ist. Nicht die 3.000 Songs, die der Algorithmus dir vorgespielt hat, sondern die 50 Alben, die du wirklich liebst. Diese Liste ist der Kern deiner künftigen Bibliothek. Der Rest kommt mit der Zeit zurück, auf demokratischerem Weg: weil du ihn suchst, nicht weil er dir ausgespielt wird.
Schritt 2: Musik besitzen statt mieten
Der wichtigste Gedanke zuerst: Eine gekaufte Datei ist deine. Eine gestreamte ist geliehen. Und zwar geliehen von jemandem, der mitliest. Der Aufbau einer eigenen Bibliothek ist heute einfacher als je zuvor:
Bandcamp. Meine wichtigste Entdeckung. Künstler verkaufen hier ihre Musik direkt, als verlustfreie Dateien (FLAC) oder MP3s, ohne Kopierschutz, und behalten den Löwenanteil des Preises. Etwa 80 bis 85 Prozent gehen an die Musiker:innen, statt der Bruchteile eines Cents pro Stream bei Spotify. Wenn dir ein Album wichtig ist, kauf es dort. Der Freitag, an dem Bandcamp auf seine Provision verzichtet und alles an die Künstler:innen geht, ist ohnehin ein schöner Anlass zum Stöbern.
CDs und Schallplatten. Klingt altmodisch, ist aber der beste Deal des Jahrhunderts: Flohmarkt, Gebrauchtwaren, lokale Plattenläden. Eine CD für zwei Euro ergibt, ordentlich gerippt, eine verlustfreie Datei in FLAC-Qualität, die dir für immer gehört. Der Umbau dauert pro Album fünf Minuten Handarbeit und ist ein schöner Sonntag-Nachmittag-Beschäftigung geworden. Und ja, Platten kann man nicht rippen, aber man kann sie auflegen, und das ist sowieso der beste Klang.
Download-Shops ohne Kopierschutz. Auch die großen Shops (zum Beispiel 7digital) verkaufen DRM-freie Dateien. Wichtig ist nur ein Kriterium: Was du kaufst, muss ohne App, ohne Konto-Zwang und ohne Internet funktionieren. Tut es das, gehört es dir.
Schritt 3: Der freie Player
Die Dateien liegen jetzt auf deinem Rechner, also braucht du einen Abspieler. Alle folgenden sind freie Software, ohne Konten, ohne Vermessen:
- Auf dem Computer (Linux/Windows): Amarok ist mein Player der Wahl, oder mpv, wenn du es schlicht magst. Beide verwalten große Bibliotheken, spielen FLAC, ALAC, MP3 und alles andere und haben kein Interesse an deiner Stimmung.
- Auf dem Handy (Android): Hier ist die Auswahl riesig, die Empfehlung einfach: ein Player aus F-Droid, dem freien App-Store, zum Beispiel Metro oder Odio. Alle spielen deine Dateien offline ab, und keiner funkt nach Hause. Die Musik auf das Handy laden, Kopfhörer auf, fertig. Das ist genauso schnell wie Spotify, nur ohne dass irgendwer mithört.
Schritt 4: Dein eigener Streaming-Dienst (für Fortgeschrittene)
Vielleicht ist dir aufgefallen: Ich habe bisher nur vom Offline-Hören geredet. Wenn du zu Hause ein paar Dateien auf dem Server oder NAS hast, gibt es einen wunderschönen nächsten Schritt: den eigenen Spotify-Ersatz im heimischen Netz.
- Navidrome oder Jellyfin: freie Server-Software, die deine Bibliothek im Heimnetz oder über das Internet für dich (und deine Familie) streamt, mit Apps für Handy und Browser, mit Playlists, Alben-Covern, allem. Der Unterschied zu Spotify: Der Server steht bei dir, und die einzige Person, die Daten darüber sammelt, bist du. Das ist Streaming, wie es sein sollte.
Das klingt nach Technik, ist aber in einer Stunde eingerichtet, und es ist derselbe Baukasten-Gedanke wie beim SearXNG-Kapitel: nicht an einem Wochenende machen, sondern irgendwann, wenn du bereit bist. Die Musik läuft vorher schon.
Schritt 5: Entdecken, ohne Algorithmus
„Ja gut", wirst du sagen, „aber wie finde ich neue Musik, ohne dass mir jemand vorspielt?" Die ehrliche Antwort: entdecken funktioniert auch ohne Datenkrake, sogar besser.
- Freies Radio. Radio war die erste Entdeckungsmaschine und ist immer noch die beste, weil Menschen die Sendungen machen. SomaFM, Radio Browser oder dein örtliches Bürgerradio streamen frei, und die Redaktionen wählen nach Geschmack, nicht nach Hörzeit-Optimierung.
- Podcasts über Musik. Wer neue Alben bespricht, was er mag, macht Entdeckung auf die altmodische, menschliche Art.
- Last-Ausgänge: Konzerte. Der beste Musik-Algorithmus der Welt ist der Soundcheck der Band, die heute Abend in deiner Stadt spielt. Karten dort kosten so viel wie ein Spotify-Abo, und die Musiker:innen behalten einen deutlich größeren Teil davon.
Der ehrliche Nachteil
Kein Kapitel ohne die ehrliche Seite: Eine eigene Bibliothek kostet Geld und Zeit. Ein Album kostet fünf bis fünfzehn Euro statt null, und der Aufbau einer Bibliothek, die an die Spotify-Breite heranreicht, dauert Jahre. Und: Sie ist nicht überall sofort in voller Größe verfügbar, wenn du den Streaming-Server nicht aufsetzt.
Aber hier ist die Rechnung, die für mich zählt: Streaming macht Musik zu einem Milchglas-Erlebnis, immer verfügbar, nie wirklich da. Besitzen macht jedes Album zu einer Entscheidung. Ich höre inzwischen weniger Musik, aber höre sie bewusster. Und ich weiß genau, dass kein Konzern mitlauscht, wenn ich abends bei einer Platte einschlafe.
Die Frage, die bleibt
Streaming hat dich gemietet, ohne dass du es gemerkt hast. Deshalb gebe ich dir zum Schluss dieselbe Frage mit, die mich zum Wechsel gebracht hat: Wem gehört deine Musik? Wenn die Antwort „mir" lauten soll, dann ist die nächste Platte, die du hörst, deine. Wirklich deine.