Feedreader einrichten: Nachrichten abonnieren statt folgen
Wenn ich in der ganzen Serie ein Werkzeug benennen sollte, das meinen Alltag am meisten verändert hat, ist es nicht das Lösch-Werkzeug, sondern das Lese-Werkzeug: der Feedreader. Er ist die Antwort auf die Frage, die nach jedem Ausstieg bleibt: Woher kriege ich jetzt meine Nachrichten? Und er ist gleichzeitig das Gegenstück zu jedem Algorithmus-Feed, denn er macht das Gegenteil von allem, was du in den Tunnel-Artikeln gelesen hast.
Das Grundprinzip heißt RSS. Fast jede Website, jede Zeitung und jeder Blog bietet einen sogenannten Feed, das ist eine automatische Übersicht aller neuen Beiträge. Der Feedreader schaut bei all deinen Feeds vorbei, sammelt die neuen Artikel ein und legt sie dir in einer Liste vor. Statt zu folgen, abonniert du. Der Unterschied klingt klein und ist der Kern der Sache: Ein Abo endet, wenn du es kündigst, und es zeigt, was der Verlag geschrieben hat, nicht das, was eine Maschine für dich hält.
Was ein Feedreader dir bringt
- Du entscheidest über die Reihenfolge. Neueste zuerst, ungelesene zuerst, deine Ordnung. Keine Empfehlungsmaschine, keine sortierte Überraschung.
- Der Reader hat ein Ende. Wenn du durch die neuen Artikel bist, ist der Kasten leer. Feeds sind Lieferungen, keine Wasserfälle, und genau deshalb bin ich mit ihnen nie länger als 20 Minuten am Morgen unterwegs.
- Niemand rechnet mit. Der Feed enthält den Artikel, nicht deine Klicks. Es ist das gleiche Prinzip wie beim Zeitungsabo in Papierform, nur mit Lieferdienst.
Drei freie Feedreader, für drei Sorten Menschen
- Für den Anfang: Thunderbird. Das freie E-Mail-Programm kann nämlich auch Feeds lesen und verhält sich dann wie ein Postfach für Nachrichten. Wer ohnehin E-Mails sammelt, hat damit Reader und Post in einem Programm, und die Einrichtung ist ein Datei-Menü und eine Adresse. Der bequemste Einstieg, den ich kenne, und eine Software mit langer Geschichte.
- Für den Mac: NetNewsWire. Ein wunderschönes, freies Programm, das sich anfühlt wie eine gut gemachte Zeitungs-App und seit Jahrzehnten gepflegt wird. Wenn du einen Mac hast und nur ein Werkzeug aus diesem Kapitel ausprobieren willst, nimm dieses, es ist kostenlos und zeigt die Reife freier Software auf einen Blick.
- Für die Gründlichen: FreshRSS. Ein freier Reader, den du auf deinem eigenen Webspace betreibst. Er läuft als kleine Web-Anwendung, und deine Aboliste steht dann auf deinem Server statt auf dem Server eines Anbieters. Ich selbst lese so: FreshRSS auf meinem Webspace, das gleiche Paket, auf dem auch diese Website liegt, und von unterwegs greife ich mit der Handy-App darauf zu. Wenn du einen Webspace mit PHP hast, ist das ein Nachmittag-Projekt mit einer ausführlichen Anleitung.
Der Trick mit dem Umzug: OPML
Ein Detail, das den Geist freier Software zeigt: Alle Reader sprechen eine gemeinsame Sprache für Abolisten, das OPML-Format, eine kleine Datei, in der deine ganzen Abonnements stehen. Du kannst sie aus jedem Reader exportieren und in jeden anderen importieren. Bedeutet in Klartext: Deine Aboliste gehört dir und reist mit, egal welches Programm du heute nutzt. Genau dieses Gefühl, das Eigentum an den eigenen Daten, ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einer Plattform.
Mein Lesemorgen, als ehrliche Anker
Damit du eine Vorstellung kriegst, wie so ein Alltag aussieht: Ich lese morgens die neuen Artikel von drei Zeitungen, zwei Blogs über Verwaltungsdigitalisierung, einem Garten-Blog und den RSS-Zusammenfassungen einiger Mastodon-Accounts. Das sind um die 30 Artikel, von denen ich fünf wirklich lese. Es sind 20 Minuten, es begleitet meinen Kaffee, und es endet, wenn die Liste leer ist. Vergleiche das mit der Zahl aus dem Tunnel-Kapitel, was du täglich herausziehst, und du weißt, warum dieser Artikel über den Feedreader so früh im Kapitel steht.
Quellen und weiterlesen
- Wikipedia: RSS, das Format hinter den Feeds: https://en.wikipedia.org/wiki/RSS
- Thunderbird, das freie E-Mail- und Nachrichten-Programm: https://www.thunderbird.net/de/
- NetNewsWire, der freie Mac-Reader: https://netnewswire.com/
- FreshRSS, der Reader für den eigenen Webspace: https://freshrss.org/