YouTube bewusst nutzen: Ich bin geblieben, und wie das ohne Algorithmus geht
Ehrlichkeit gehört zu dieser Serie, also fange ich mit dem Bekenntnis an: Ich bin bei YouTube geblieben. Es ist der einzige Tunnel, den ich behalten habe, und zwar bewusst. Lange Videos mit echtem Inhalt haben einen Nutzen, den ich nicht missen will: die Reparaturanleitung für den Rasenmäher im Kleingarten, der Vortrag über Bezirksrecht, das Konzert aus Hamburg, das ich verpasst habe.
Der Fehler bei YouTube ist deshalb nicht das Format, sondern der Rahmen: die automatische Empfehlungsspalte, das Autoplay, das ohne zu fragen weiterschaltet, die Shorts, also die eingestreuten Kurzvideos, und die Anmeldefloskel, die aus jedem freien Zuschauer einen messbaren Nutzer macht. Meine Lösung war deshalb kein Auszug, sondern ein Umbau, und der sieht so aus.
Mein Werkzeugkasten gegen die Empfehlungsmaschine
- Ich schaue ohne Konto. Kein Login, keine Beobachtung meines Verhaltens, kein Verlauf, der mir Videos nachschiebt. Was ich sehen will, entscheide ich vor dem Öffnen, nicht währenddessen.
- Meine Abonnements laufen per RSS. Jeder YouTube-Kanal liefert einen RSS-Feed, also so einen automatischen Lieferschein aus dem Werkzeuge-Kapitel: Neue Videos eines Kanals erscheinen in meinem Feedreader wie neue Zeitungsartikel. Ich abonniere damit Menschen, keine Maschine, und die Aboliste endet, wenn sie endet.
- Freie Programme statt App. Auf dem Rechner schaue ich mit FreeTube, auf dem Handy mit NewPipe. Beide sind freie Software, beide holen die Videos bei YouTube ab, zeigen sie aber ohne Empfehlungsspalte, ohne Werbung und mit einer Aboliste, die auf meinem Gerät liegt, nicht auf dem Serverkonzern.
- Zwei Regeln zum Selbstschutz. Autoplay aus, und die Kommentare lese ich, wenn überhaupt, nur bei harmlosem Werkstatt-Kram. Beides ist bei FreeTube und NewPipe per Schalter abschaltbar, und das ist gut so.
Mit diesem Setup ist YouTube für mich wieder geworden, was es am Anfang war: eine Videothek mit Riesenauswahl, in der ich frage und gehe, statt Regal für Regal zu bewohnen.
Die echten Alternativen, für dich geprüft
Wenn du ganz raus willst oder die Plattform wechseln, gibt es inzwischen Ehrliches zu berichten:
- PeerTube ist das freie Gegenstück im Fediverse, also nach demselben Server-Prinzip wie Mastodon und Pixelfed. Videos liegen auf unabhängigen Instanzen, Creator können folgen und antworten lassen wie im ganzen offenen Netz. Für Technik- und FOSS-Beiträge findet man dort schon eine Menge, für die Masse an Alltagsanleitungen ist es noch dünn.
- Nebula ist das genaue Gegenteil im Geschäftsmodell: eine Bezahlplattform, die den Creators gehört beziehungsweise gemeinsam mit einer Creator-Firma betrieben wird, ohne Werbung und ohne Empfehlungszwang, und die Gewinne werden nach Sehzeit unter die Creator verteilt. Wer bestimmte Bildungsmacher mag, findet dort deren beste Fassungen, oft früher als auf YouTube.
- Podcasts sind die unterschätzte Alternative: Sehr vielen Video-Kanälen folgt man besser mit den Ohren beim Spazierengehen, und die Audiofassungen gibt es meist als RSS-Abo, ganz im Sinne dieses Kapitels.
Wann ein Umzug wirklich lohnt
Für Zuschauer wie mich ist das oben Beschriebene die gute Lösung. Für Creator sieht die Rechnung anders aus: Wer selbst hochlädt, sollte nicht einzig von einer Plattform abhängen. Mein Rat an alle, die Videos veröffentlichen: PeerTube oder eine eigene Website als Zuhause, RSS als Verteiler, und die große Plattform nur als Schaufenster. Das Buch vom Videotheks-Kunden lernte ich bei meinen Freunden im FOSS-Lager, und es hat sich bewährt.
Nächster Halt im Kapitel: die härteste Frage von allen, der TikTok-Tunnel und seine fehlenden Alternativen: Kurzvideos ersetzen.
Quellen und weiterlesen
- PeerTube, das freie Video-Netzwerk: https://joinpeertube.org/
- Wikipedia zu Nebula, der Creator-Plattform: https://de.wikipedia.org/wiki/Nebula_(Streamingdienst)
- FreeTube, der freie YouTube-Client: https://freetubeapp.io/
- NewPipe, der freie Android-Client: https://newpipe.net/
- Invidious, das freie Webfrontend: https://invidious.io/