Netflix & Co ersetzen: Schauen, das dir gehört
Der Abschied, der keiner ist
Im Tunnel-Kapitel habe ich verraten, worum es beim Streaming wirklich geht: nicht ums Schauen, sondern ums Weiterlaufen-Lassen. Die gute Nachricht heißt deshalb nicht „weniger schauen", sondern „bewusster schauen" – und das geht ohne Autoplay, ohne Profil und ohne Weiterlauf-Zwang.
Der Fahrplan ist derselbe wie bei der Musik: erst retten, dann besitzen, dann freie Werkzeuge. Wer die Spotify-Folge gelesen hat, wird sich hier öfter mal ertappt fühlen.
Schritt 1: Retten, was zu retten ist
Dein Konto bei einem Streamingdienst ist kein Besitz, sondern eine guestlist: Kündigt der Dienst die Lizenz, verschwindet die Serie über Nacht – manchmal mitten in einer Staffel. Deshalb:
- Liste statt Bibliothek. Exportiere oder notiere dir die Serien und Filme, die du wirklich sehen willst oder liebevoll zu Ende bringen möchtest. Das ist deine Einkaufsliste. Die „Meine Liste" mit 400 Einträgen ist es nicht – das ist der Feed, in dem du schon gefangen bist.
- Prüfe, was du wirklich schaust. Wie viele Dienste laufen parallel, wie oft schaust du jeden davon? Die meisten Haushalte zahlen für zwei bis drei Abos, nutzen aber regelmäßig nur eines. Das zu beenden ist der einfachste Ausstiegsschritt überhaupt.
Schritt 2: Filme besitzen statt mieten
Eine gekaufte Scheibe ist deine. Ein gestreamter Film ist geliehen – geliehen von jemandem, der mitschreibt, wann du pausierst. Der Aufbau einer eigenen Filmsammlung ist erstaunlich billig:
- DVD und Blu-ray gebraucht. Der beste Deal des Jahrzehnts: Flohmarkt, Gebrauchtwarenläden, Online-Auktionshäuser. Serien-Staffelboxen, die gestern noch 40 Euro kosteten, liegen für ein paar Euro im Regal. Blu-rays liefern ein sauberes, in der Regel besseres Bild als ein stream, der abends leidet, weil die Leitung leidet.
- Leihen statt kaufen. Wo es noch Videotheken gibt: hingehen. Dazu kommen Bibliotheken – viele verleihen DVDs, viele davon kostenlos mit Lesecard. Ein Film pro Woche auf diesem Weg kostet dich nichts außer dem Weg.
- Rechtssicher rippen. Deine eigene Scheibe darfst du für den Privatgebrauch sichern. Werkzeuge wie MakeMKV (Scheibe) und HandBrake (Datei verkleinern) machen aus einer Blu-ray eine Datei auf deinem NAS. Fünf Minuten Handarbeit pro Film, ein schöner Sonntag-Nachmittag-Hobby – und danach läuft der Film auf jedem Gerät, ohne Laufwerk, ohne Internet, ohne dass einer der Dienst mehr weiß als nötig.
Schritt 3: Der freie Player
Die Dateien liegen jetzt auf deinem Rechner oder NAS. Zum Abspielen brauchst du freie Software, ohne Konto, ohne Vermessen:
- Auf dem Computer: mpv ist der Schmiegsame unter den Playern – schlank, schnell, spielt alles. Wer eine hübsche Bibliothek mit Postern und Metadaten will, nimmt Kodi oder Jellyfin (dazu gleich mehr).
- Auf dem Fernseher: Kodi läuft auf dem Raspberry Pi, Fire-TV-Sticks lassen sich mit Apps wie VLC oder Kodi bespielen. Wer es ganz freihält, bespielt einen kleinen Media-PC – mein Favorit, weil er keine Firmware von irgendwem lädt, der mitlesen will.
- Auf dem Handy: mpv oder VLC für Android, Dateien per Syncthing oder Nextcloud-Sync auf das Gerät. Offline schauen, ohne dass der Flugmodus zum Problem wird.
Schritt 4: Dein eigener Streaming-Dienst (für Fortgeschrittene)
Der schönste Schritt, wenn die Sammlung steht: Jellyfin – freie Server-Software, die deine Filme und Serien im Heimnetz (und übers Internet, wenn du willst) streamt, mit Apps für Handy, Tablet, Fernseher und Browser, mit Postern, Fortschrittsmarken und allem, was die großen Dienste auch können. Der Unterschied: Der Server steht bei dir, und die einzige Person, die ein Profil über dein Schauen erstellt, bist du.
Alternativ ist Kodi mit zentraler Bibliothek auf dem NAS ein Klassiker, der seit Jahrzehnten zuverlässig läuft. Beides ist in einer Stunde eingerichtet – und es ist derselbe Baukasten wie bei Navidrome für Musik: nicht an einem Wochenende machen müssen, sondern irgendwann, wenn du bereit bist. Vorher läuft die Sammlung ja auch schon.
Schritt 5: Schauen ohne Besitz – die ehrlichen Gratis-Wege
Nicht alles muss ins Regal. Es gibt mehr legale, freie Wege zu Filmen und Serien, als viele denken:
- Öffentlich-rechtliche Mediatheken. ARD, ZDF & Co streamen einen erstaunlichen Fundus an Dokus, Filmen, Serien und Konzerten – ohne Abo, ohne Profilzwang. Für den Nachrichten- und Doku-Bedarf eine eigene Einkaufsstraße.
- Freie Filmarchive. Das Internet Archive hostet gemeinfreie Filme und Serienklassiker in großer Zahl. Kein neustes Hollywood, aber dafür eine Schatzkiste für Kubrick-Vorgänger und Stummfilm-Nächte.
- Kino. Der beste Algorithmus der Welt ist das Programm deines örtlichen Kinos. Eine Karte kostet so viel wie ein Monat Streaming-Abo, und der Film startet pünktlich, ob du willst oder nicht – das ist übrigens die einzige Form des Schauens, bei der kein Autoplay existiert und auch keines nötig ist: Der Abspann ist das Ende.
Der ehrliche Nachteil
Kein Kapitel ohne die ehrliche Seite: Eine eigene Filmsammlung kostet Geld und Platz. Eine Staffel gebraucht kostet fünf bis fünfzehn Euro statt null, und das Regal wird voll. Neuerscheinungen erscheinen erst Monate nach Kino-Start als Scheibe, manche nur noch digital. Und für den aktuellen Daily-Talk gibt es keinen freien Ersatz – dafür gibt es Mediatheken.
Aber hier ist die Rechnung, die für mich zählt: Streaming machte Schauen zu einem Hintergrundrauschen, das weiterläuft, während man das Handy checkt. Besitzen macht jeden Film zu einer Entscheidung. Ich schaue inzwischen weniger, aber ich schaue fertig. Und kein Autoplay der Welt startet bei mir um zwei Uhr nachts die nächste Folge, die ich am nächsten Morgen nicht mehr wollte.
Die Frage, die bleibt
Streaming hat dir abgewöhnt, dass Filme etwas sind, die man sich aussucht. Deshalb gebe ich dir zum Schluss dieselbe Frage mit, die mich zum Umdenken gebracht hat: Wer entscheidet, was heute Abend bei dir läuft – du oder eine Startseite? Wenn die Antwort „ich" lauten soll, dann fang mit einer Scheibe an. Wirklich mit einer Scheibe.