Feedflucht · Der Tunnel

Doomscrolling: Warum mein Daumen um 23 Uhr noch gewischt hat

Ich fange mit einer Wahrheit an, die mir erst spät klargeworden ist: Ich war der perfekte Nutzer. Neugierig, technikbegeistert, gerne mittendrin. Genau der Mensch, den soziale Netzwerke lieben. Und deshalb ist meine Geschichte auch deine Chance: Wenn ich da rausgekommen bin, kommst du auch raus.

Mein Name ist Markus. Ich bin Pappa, arbeite in einer Verwaltung, fahre mit dem Pedelec ins Büro und mag mein Leben. Und ich bin schon sehr lange im Internet. Tatsächlich so lange, dass ich dir zuerst erzählen muss, wie das Internet aussah, als ich es betreten habe. Denn genau dort beginnt alles.

Als das Internet noch aus Blei war

Ich habe angefangen, als das Web noch aus Bleiwüsten bestand. Das ist ein liebevoller Begriff der alten Internet-Generation: Webseiten, die aussahen wie graue Textwände. Blauer Text auf weißem Grund, dazu ein paar Linklisten, mehr nicht. Keine Videos, keine Buttons, keine Animationen. Als hätte jemand sein Lexikon in die Welt gestellt. Und wir haben es gelesen. Stundenlang. Es war ein Lesen der ganz anderen Art: Du gingst hin, weil du etwas wissen wolltest, und du gingst wieder, wenn du es wusstest.

Diskutiert haben wir woanders: in Foren und in Newsgroups. Ein Forum kennst du vielleicht noch, das ist eine Website mit Diskussionen zu einem Thema, ordentlich in Fäden sortiert. Newsgroups waren das ältere Geschwister, eine Art weltweites Schwarzes Brett, verteilt über unzählige Server. Du schriebst deine Nachricht, sie flog um die Welt, und irgendwann kam eine Antwort. Das Tempo war gemächlich, und genau das war sein Reiz.

Drei Dinge waren anders als heute, und das ist wichtig für meine Geschichte:

  1. Es gab keinen Algorithmus zwischen uns. Niemand schob dir Inhalte vor die Nase. Du warst Gast in einem Fachgespräch, kein Ziel in einem Verkaufstrichter.
  2. Es war freiwillig und endete, wenn du gingst. Es gab kein Endlos-Scrollen, keine Benachrichtigungen, die dich zurückholten. Du warst fertig, wenn du fertig warst.
  3. Niemand verfolgte dich auf deinem Datenweg. Na gut, das ist eine etwas romantische Verklärung, auch damals wurden Protokolle geschrieben. Aber es gab kein Profil von dir, kein gezeichnetes Porträt deiner Seele, das jemand verkaufen konnte.

Ich habe in vielen Foren und Newsgroups mitgelesen und mitgeschrieben, in den wildesten Ecken und in Fachforen. Manche davon leben heute noch, und ich empfehle sie jedem als Beispiel, wie gut das Internet sein kann: seriöse Menschen, ein Thema, Ordnung, kein Getöse. Wenn du so etwas suchst, schau dir zum Beispiel das Forum atnotes.de an. Es ist das Fachforum rund um Lotus Notes und Domino, ein Groupware-Programm, das in vielen Verwaltungen und Firmen läuft, und genau so macht das Internet Spaß, wenn man es für sich arbeiten lässt.

Als alles in die Netzwerke zog

Und dann kamen die neuen Netzwerke. Erst zögerlich, dann auf einmal war alles dort: Facebook, Twitter, YouTube, Xing, LinkedIn. Die Foren wurden leiser, die Newsgroups verstummten, die Menschen zogen um. Und ich bin mit umgezogen, wie fast alle. Es war auch erst mal großartig: die alte Klasse wieder gefunden, die Cousine in Hamburg, Gruppen für jedes Hobby, alles unter einem Dach.

Rückblickend erkenne ich, was damals geschah, und ich beschreibe es dir ohne Verbitterung: Wir haben eine Rechnung unterschrieben, die wir nicht gelesen haben. Das Netzwerk schien kostenlos, aber wir bezahlten mit etwas anderem, mit unserer Zeit und unseren Daten. Ich bin inzwischen sicher, dass das nicht der grundsätzliche Plan am Anfang war. Facebook als Plattform zur Vernetzung war vermutlich eine echte, eine nette Idee. Aber aus netten Ideen werden Geschäftsmodelle, wenn die Nutzerzahlen groß genug sind. Und das Geschäftsmodell hinter diesen Plattformen heißt: Menschen beobachten, Profile bauen, Werbung verkaufen. Im Kapitel Tunnel erkläre ich dir das ganz genau, vom Algorithmus bis zur Datenkrake.

Der Moment, in dem ich rechnete

Jetzt zu dem Teil, den du vielleicht kennst, ohne es zu wissen: das langsame Aufwachen.

Es gab bei mir keinen Blitzschlag, sondern eine Reihe von Momenten, in denen ich begann, mein eigenes Verhalten anzuschauen. Und ich sah Dinge, die mir nicht gefielen:

Und je länger ich mich damit befasste, umso klarer wurde das Bild: Hinter diesen Netzwerken stecken Datenkraken, die nichts Gutes mit mir vorhaben. Eine Datenkrake ist ein Konzern, der seine Arme überallhin ausstreckt, wo du online bist, und der aus jedem deiner Schritte etwas über dich lernt. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist das dokumentierte Geschäftsmodell, mit Bußgeldern in Milliardenhöhe belegt. Auch das steht im Kapitel Tunnel.

Der Ausstieg

Irgendwann war es so weit. Ich habe eine simple Entscheidung getroffen, und ich empfehle sie dir als erste Weichenstellung: Ich habe die Dienste sortiert. Das waren für mich drei Kisten:

  1. Dienste, die ich definitiv nicht brauchte (für mich: Facebook, Instagram und Twitter). Sie boten mir nichts, das ich nicht auf anderem, besseren Weg haben konnte.
  2. Dienste, die ich für meinen Beruf und mein Leben brauchte, aber mit klaren Regeln.
  3. Dienste, die ich sowieso schon falsch benutzt hatte und die ich einfach nur kürzer treten musste.

Die erste Kiste habe ich weggeworfen. Ich habe meine Accounts so leer gemacht, wie es nur irgendwie ging: Beiträge gelöscht, Bilder heruntergeladen und entfernt, persönlichen Ballast beseitigt, den Datenzugriff Dritter gekappt. Und danach habe ich die Accounts gelöscht, endgültig und mit Bedenkzeit, wie ich es im Kapitel Ausstieg Schritt für Schritt beschreibe.

Was danach kam? Kein Weltuntergang. Die ersten Tage waren seltsam leer, der Daumen zuckte gewohnheitsmäßig zum leeren Fleck auf dem Homescreen. Und dann, Stück für Stück, kam etwas zurück, das ich lange nicht bemerkt hatte: Ruhe. Und Zeit. Und die Erfahrung, dass ich keinen einzigen Menschen verloren habe, der mir wirklich wichtig ist.

Wie ich heute unterwegs bin

Der Ausstieg war für mich nicht das Ende der Reise, sondern die Ankunft bei einer neuen Gewohnheit. Ich stelle heute bei jedem Dienst im Internet drei einfache Fragen:

Und dann entscheide ich: nutzen, meiden oder ersetzen. Aus diesen Entscheidungen ist ein Alltag geworden, von dem ich dir gern erzähle, weil er viele Menschen überrascht:

Ich bin im Fediverse gelandet. Das Fediverse ist ein dezentrales soziales Netzwerk. „Dezentral“ heißt: Es gibt nicht den einen Konzern mit der riesigen Datenkrake, sondern viele kleine Server, die miteinander reden, jeder mit seinen eigenen Regeln. Es fühlt sich an wie früher in den Foren: Menschen, Themen, keine Werbelogik. Meine Home Base für den Austausch ist heute dort, nicht auf den Plattformen der Konzerne.

Ich nutze freie Software, wo es geht. Ich bin Privatanwender, und seit Jahren läuft mein Rechner mit Linux, einem freien Betriebssystem. FOSS steht für „Free and Open Source Software“, also freie und offene Software: Der Programmcode ist für alle sichtbar, jeder darf ihn prüfen, verändern und weitergeben. „Frei“ bedeutet dabei nicht „kostenlos“, sondern „in Freiheit“: Ich kann nachvollziehen, was die Software tut, und genau das ist die Grundlage von Vertrauen. Ich vermeide proprietäre Software, also Software mit geschlossenem Code, wo es nur geht. Und das ist das Erstaunliche: Es geht erstaunlich viel. Für fast jede Aufgabe, vom Schreibprogramm bis zur Bildbearbeitung, gibt es eine freie Alternative, die den Job macht.

Auch mein Handy ist umgebaut. Mein Mobiltelefon läuft mit GrapheneOS. Das ist ein Betriebssystem auf der Basis von Android, aber ohne die Google-Apparatur im Hintergrund. Google bekommt über mein Handy keine Daten mehr, die es etwas angehen: nicht meine Fotos, nicht meinen Standort, nicht meine Nutzungszeiten. Das Handy ist mein Werkzeug, nicht mein Überwacher.

Und wo es nicht geht, halte ich die Grenzen. Es gibt Dienste, die ich aus guten Gründen weiter nutze, YouTube zum Beispiel, oder Spotify. Aber ich nutze sie bewusst, mit klaren Regeln und ohne den Glauben, dass sie meine Freunde sind. Das ist kein Widerspruch zur Feedflucht, das ist Erwachsenwerden im Netz: Ich entscheide, was ich hergebe, und lasse mich nicht mehr von der App entscheiden.

Was das mit Feedflucht zu tun hat

Vielleicht hast du es schon gemerkt: Ich bin der Vorher-Nachher-Fall. Der Mann, der nachts um halb eins noch „kurz“ scrollt, war ich. Der Mann, der im Fediverse schreibt, seinen Rechner mit freier Software fährt und seine Daten wie sein Werkzeug behandelt, bin ich auch. Beide sind derselbe Mensch, und zwischen beiden liegt kein Geniestreich, sondern ein Weg, den jeder gehen kann.

Das ist der Grund, warum es Feedflucht gibt. Ich schreibe diese Artikel für mein früheres Ich, für die Menschen, die gerade noch drin stecken oder gerade überlegen aufzuhören. Der Weg hat vier Etappen, und er ist auch die Struktur dieses Projekts: erkennen (das Kapitel Tunnel), aussteigen (das Kapitel Ausstieg), Werkzeuge finden (freie Software, die dich handlungsfähig macht), und das gewonnene Leben füllen mit Dingen, die wirklich von dir sind.

Du musst nicht alles auf einmal ändern. Ich habe auch nicht an einem Tag die Accounts gelöscht, den Rechner auf Linux umgestellt und das Handy entkernt. Aber du musst irgendwo anfangen, und der beste Moment ist der, in dem du dir eingestehst: Ich will das nicht mehr.

Der Tunnel hat einen Ausgang. Ich stehe draußen und kann dir sagen: Das Licht ist echt.

– Markus


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